Dazu möchte ich betonen, dass die immer wieder behauptete Unfinanzierbarkeit des Sozialstaates eine interessengeleitete These ist. Die Frage der Finanzierung des Sozialstaates ist weniger eine Frage des Geldes, sondern mehr eine des politischen Willens zu sozialer Stabilität und Gerechtigkeit.

Arm zu sein heißt mehr als kein oder sehr wenig Geld zu haben. Arm ist nicht nur, wer entscheiden muss, ob er oder sie die Stromrechnung bezahlen oder stattdessen Lebensmittel kaufen soll. Arm sein bedeutet auch, ausgeschlossen zu sein - von Bildung, von guter Gesundheitsversorgung, von gesellschaftlicher Anerkennung und letztlich auch vom sozialen und politischen Teilhabeprozess. Politische Beteiligung hängt in hohem Maße von Bildung, Einkommen und Vermögen ab. Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Einkommen sind im Durchschnitt deutlich seltener an politischen Entscheidungsprozessen, Wahlen oder zivilgesellschaftlichen Initiativen beteiligt. Studien für Deutschland zeigen etwa, dass das untere Fünftel der Gesellschaft dem politischen Geschehen weitgehend fern bleibt. Auf der anderen Seite bedeutet Vermögenskonzentration auch Machtkonzentration, hohen Status und starken Einfluss - zum Beispiel darauf, was in den Medien geschrieben wird, aber auch im politischen Entscheidungsprozess.

Das demokratische Prinzip "one person, one vote" wird in immer mehr Bereichen unserer Gesellschaft durch das Prinzip "one dollar, one vote" ersetzt. Dies gefährdet letztlich die Grundstrukturen demokratischer Gesellschaften. Umso wichtiger ist es, dass seitens der Wissenschaft empirisch fundierte Analysen über die Verteilung von Einkommen, Vermögen, Bildungs- und Lebenschancen der Öffentlichkeit präsentiert und die komplexen Zusammenhänge zwischen Verteilung und politischer Stabilität unserer Gesellschaft analysiert werden. Nur durch eine wissenschaftlich basierte und offen geführte Diskussion kann die Politik über zweckmäßige Maßnahmen zur Reduzierung der bestehenden Ungleichheiten entscheiden.

Zur Autorin

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Margit

Fischer

ist u.a. Vorsitzende des Vereins ScienceCenter-Netzwerkes, unterstützt die Aktion "Armut tut weh" der Österreichischen Volkshilfe und ist die Ehefrau von Bundespräsident Heinz Fischer.

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Man muss auch über Reichtum sprechen

Armutsbekämpfung wird immer schwieriger

These: Ungleichheit gefährdet die Demokratie

Ungleichheit ist
schlecht für alle