Staudinger und Justnik wollen mit ihrer Installation, die auch mit Projektionen historischer ethnografischer Aufnahmen arbeitet, die Bilder im Kopf hinterfragen. Konterkariert werden die Fotos durch künstlerische Arbeiten, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Klischees auseinandersetzen.

Die Außensicht habe ausgedient


Klischees sind auch Melgarejo Weinandt ein Gräuel. Gemeinsam mit anderen Künstlern aus Lateinamerika möchte sie im Rahmen des Projekts "Wer hat Angst vor dem Museum? Eine Ausgrabung der kolonialen Wunden" vor auf allem auf eines aufmerksam machen: Wenn es darum geht, wie Indigenität vermittelt wird, sollten das Menschen tun, die selbst indigen sind. Die Außensicht habe ausgedient - denn sie erfolge nie auf Augenhöhe. Die peruanische Künstlerin Imayna Caceres beklagt, dass es hier immer noch eine Hierarchie gibt. "Ich kenne in Lateinamerika kein Museum, das sich mit Menschen aus Europa aus einer ethnografischen Perspektive befasst." Die kolonialen Wunden, sie liegen tief, wenn man Melgarejo Weinandt und Caceres zuhört. Es beginnt damit, dass eine weiße Hautfarbe bis heute bei vielen, auch Betroffenen, als erstrebenswert gilt. Und es endet damit, dass die Eroberer und die Wissenschafter im Gefolge das, was sie vorfanden, als exotisch, gleichzeitig aber primitiv abstempelten. Übergestülpt wurden Europas Lebenskonzepte.

Beispiel Sexualität: Als normal galten sexuelle Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau und klare Rollenbilder. In vielen indigenen Völkern habe man hier aber ganz andere Konzeptionen gehabt. Da gab es seit jeher zum Beispiel Männer, die sich als Frau fühlten und sich auch als solche kleideten. "Sie waren, und sind teils bis heute, ganz besondere Menschen: Heilerinnen zum Beispiel." Neben Performances, unter anderem auch von einem Transkünstler, wird das Kuratorenteam (Verena Melgarejo Weinandt, Imayna Caceres, Pedra Costa, und Marissa Lôbo) auch Filmbeiträge zeigen - von den 1990ern bis heute.

Gezeigt werden in diesen Aspekte heutigen Lebens in Südamerika, aktuelle Lebensrealitäten von indigenen Menschen, wobei die beiden Kuratorinnen anmerken: Das Gros der Menschen habe heute sowohl indigene als auch europäische Vorfahren, sie seien also Mestizos. Ob der Begriff, der von den Spaniern stammt, als diskriminierend oder nicht wahrgenommen wird, sei unterschiedlich. Er sei aber jedenfalls gängig. Nicht übersehen dürfe man auch die Menschen, deren Vorfahren als Sklaven aus Afrika kamen. Auch hier gebe es inzwischen eine starke Vermischung. Es gebe daher auch eine Strömung, die den Begriff Mestizos sogar befürwortet, etwa in Mexiko - weil er Gleichheit schaffe. So würden Unterschiede ausgeblendet. Alle seien im Grund Mestizos, so Caceres. "Es gibt nicht so etwas wie eine reine Rasse."

Was die Lebensrealitäten betrifft: Da gehe es zum Beispiel um die Unterdrückung durch Großkonzerne. Um den Kampf um die Natur. Es gehe darum, dass viele die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr sprechen würden. Dass einige das Brauchtum pflegen, aber andere immer noch lieber europäisch und nicht indigen wären und keinen Stolz auf ihre Herkunft entwickelt hätten. Das seien die Auswirkungen des Kolonialismus, der immer noch nicht überwunden sei. Es sind diese Perspektiven und nicht das Bild von Pocahontas, welche die Künstlerinnen im Weltmuseum in den Mittelpunkt rücken möchten. Und was die Zukunft des Museums betrifft: Hier wünschen sie sich ein Überdenken des Umgangs mit Objekten. Das berühmteste ist der Penacho de Moctezuma - die Federkrone des Moctezuma. Diese gehöre, wie so vieles andere, unbedingt zurückgegeben.