Wien. Der Kohlrabi, der viel größer ist als die meisten seiner Art, die leicht von einer Erntemaschine gestreifte Kartoffel und auch die krumm gewachsene Karotte, die aussieht, als hätte sie gerade die Beine übereinander geschlagen, alle drei sind für den österreichischen Gemüsehandel Außenseiter, die aussortiert werden müssen. Dabei sind sie qualitativ, also geschmacklich völlig in Ordnung.

Schuld daran sind zum einen Konsumentenschutzgesetze, die für Gemüse eine gewisse äußerliche Unversehrtheit vorschreiben, und zum anderen Handelsnormen. Ist ein geerntetes Stück Gemüse etwa zu groß, erschwert das die Handhabung beim Kochen und auch im Supermarkt, außerdem passt es dann vielleicht nicht in die Schneidemaschinen von Fertignahrungsproduzenten. Übers Jahr werden in Österreich aus Gründen wie diesen etwa 168.000 Tonnen Lebensmittel aussortiert und weggeworfen, das sind 30 bis 40 Prozent der österreichischen Gemüseernte, die es niemals auf einen Teller schaffen. Tobias Judmaier von "Iss mich" ist das ein Dorn im Auge. Gemeinsam mit dem Filmemacher David Gross schlich er bereits im Zuge der Dreharbeiten zur YouTube-Kochserie "Waste Cooking" bei Nacht und Nebel an die Müllcontainer der Supermärkte. Dort wurde noch originalverpacktes Gemüse gerettet und öffentlich verkocht und an die Leute verkostet. Eine wirksame Methode, um auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen, auch wenn der eine oder andere ein wenig geschockt war, wenn er hörte, woher sein Essen kam. Im Zuge eines Projektes für die Wienwoche beginnt Judmaier anschließend, Lebensmittel für einen "Free Supermarket" zu sammeln, und kommt so auch mit dem Geschäftsführer der Erzeugerorganisation Marchfeldgemüse ins Gespräch. "Ich hab ihn gefragt, ob er Gemüse für uns übrig hätte, das wir in diesem Supermarkt verschenken können. Er schaut mich an, lächelt und sagt: Wie viel Tonnen hätten Sie denn gern?", erinnert sich Judmaier.

Die Geburtsstunde von
"Iss mich" war gekommen


Es sei dieser Moment gewesen, als ihm klar wurde, welche unglaublichen Mengen an Geerntetem einfach weggeworfen würden. Die Geburtsstunde von "Iss mich" war gekommen. "Sie müssen sich vor Augen führen, dass es ein Unding für jeden Landwirt ist, 30 bis 40 Prozent seines Produktes einfach wegzuwerfen, obwohl es qualitativ einwandfrei ist", erklärt der gebürtige Innsbrucker. Für seine Food Company nimmt er den Bauern das ungewollte Gemüse umsonst ab und verkocht es in Wien zu Suppen und Eintöpfen.

Danach gibt es zwei Wege, wie das Produkt an den Kunden kommt. Teilweise wird es in Gläser gefüllt und pasteurisiert. Das somit 14 Tage haltbare Produkt wird möglichst CO2-neutral direkt per Fahrrad geliefert. Alternativ kann man es auch im Einzelhandel bei der Maßgreißlerei Lunzer im 2. Bezirk erwerben. Diese nimmt auch die gebrauchten Gläser mittels Pfandsystem zurück. So entsteht kein Verpackungsmüll. Der andere Weg, an die Speisen von "Iss mich" zu kommen, ist frisches Catering für Büros und Veranstaltungen. Gekocht wird nur so viel, wie nachgefragt wird, so wird Überproduktion vermieden.

Auf Nachhaltigkeit wird bei "Iss mich" auch bei der Personalpolitik gesetzt. Junge Mütter aus Caritas-Häusern kochen und in Kooperation mit dem Weiterbildungszentrum ProMente vergibt "Iss mich" auch Praktikumsplätze. Gleichzeitig beschäftigt das Unternehmen in Zusammenarbeit mit ReStart langzeitarbeitslose Jugendliche. "Nachhaltigkeit heißt für ,Iss mich’ auch, faire Löhne zu zahlen und Menschen zu beschäftigen, die einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Das erreichen wir durch die Zusammenarbeit mit der Caritas Wien und der Beschäftigung von arbeitsmarktfernen Personen", heißt es diesbezüglich vonseiten des Unternehmens.

Tobias Judmaier, was das Kochen angeht Autodidakt, ist mittlerweile auf fast jeder größeren Nachhaltigkeitsveranstaltung im Land zu finden. Stationen wie die Biorama Fair Fair in Wien, aber auch das Europäische Forum Alpbach, wo er den Offspace im Hallenbad bespielte, waren bisher geradezu immer Erfolge für das Wiener Bio-Unternehmen. "Bärig" nannte etwa der Alpbacher Bürgermeister Markus Bischofer die ganze Aktion. Mittlerweile ist Judmaier auch als Speaker bei solchen Events gerne gesehen, denn an Überzeugungskraft fehlt es dem 39-Jährigen nicht, wenn er für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen wirbt, dabei kocht bei ihm die Leidenschaft hoch. Schließlich ist sogar sein Herd ein Recyclingprodukt: Die sogenannte "Tonnen-Küche" besteht aus zwei ehemaligen Mistkübeln.