Österreich ist nicht gerade für seine Streikkultur bekannt. Trotzdem wurden viele Konflikte der jüngeren Vergangenheit auf der Straße ausgetragen. - © Wienwoche/Michael Krebs
Österreich ist nicht gerade für seine Streikkultur bekannt. Trotzdem wurden viele Konflikte der jüngeren Vergangenheit auf der Straße ausgetragen. - © Wienwoche/Michael Krebs

Wien. "Vor allem jüngere Arbeitergeschichte ist kein Teil offizieller Geschichte mehr", bemängelt Kübra Atasoy-Özoglu. Sie ist gemeinsam mit Ozan Özoglu Mitglied des Vereins "Maloche", der die Arbeiter und ihre Rolle in der österreichischen Gesellschaft sichtbarer machen will. Dafür haben sie im Rahmen der Wienwoche und der Audioklasse des Brigittenauer Gymnasiums Karajangasse das Audiotheaterstück "Den Betrieb stören" erarbeitet. "Durch den Schwerpunkt auf das Erzählerische kann sich das Publikum besser in die Situation hineinversetzen und sich darauf konzentrieren - sogar mit geschlossenen Augen", meint Atasoy-Özoglu scherzend.

Im Audiotheaterstück werden einige Meilensteine der österreichischen Arbeitergeschichte behandelt, auf die im selten streikenden Österreich oft vergessen wird. Besonderes Augenmerk liegt auf den Oktoberstreiks von 1950. Arbeits- und Sozialkonflikte wurden im Nachkriegsösterreich auf der Straße ausgetragen. Streikanstöße waren vor allem die Ende der 1940er und Beginn der 1950er Jahre insgesamt fünf Lohn-Preis-Abkommen. Sie stellten die ersten Gehversuche einer Sozialpartnerschaft in Österreich dar. Das erste dieser Abkommen wurde zwischen Arbeiterkammer und ÖGB auf sozialdemokratischer Seite sowie Bundeswirtschaftskammer und Landwirtschaftskammer auf christdemokratischer Seite 1947 unter Billigung der Bundesregierung ausverhandelt. Diese umstrittenen Maßnahmen der Inflationsdämpfung bedeuteten für die Arbeiterschaft meist empfindliche Reallohnsenkungen. Das zweite Lohn-Preis-Abkommen 1948 etwa führte zu einem Aufmarsch von 20.000 Arbeitern in Linz, das Rathaus wurde gestürmt.

Im Herbst 1950 erreichten diese Konflikte mit dem vierten Lohn-Preis-Abkommen ihren Höhepunkt. Fünf Jahre nach Kriegsende war die Kaufkraft im besetzten Österreich immer noch gering. Die Reallöhne befanden sich trotz stark steigender Produktion unter Vorkriegsniveau. Während die Arbeiterschaft Lohnerhöhungen forderte, um Kaufkraft und Konsum anzukurbeln, wollten Regierung und private sowie staatliche Betriebe die Lohnniveaus weiterhin gering halten. Das erhöhte die abschöpfbaren Gewinne, die u.a. für Investitionen und einer Ankurbelung des Wiederaufbaus genutzt werden sollten.

Streik oder Putschversuch?


Nicht nur in Linz stand der öffentliche Verkehr am 26. September 1950 im Zuge der durch das Abkommen ausgelösten Proteststreiks still. In Wien wurden Straßenbahnweichen mit Beton ausgegossen. Straßenbahnremisen und Elektrizitätswerke wurden gestürmt. Die Streikenden gerieten auch mit der Polizei aneinander. Der damalige Vorsitzende der Bauarbeitergewerkschaft und späterer ÖGB-Präsident Franz Olah stellt sich mit seinen Leuten den Protestierenden entgegen, erhält Unterstützung von sozialistischer Jugend und katholischen Studenten. Am 28. September wird der Streik vorerst von der KPÖ abgebrochen, zwei Tage später wird der Regierung mit Generalstreik gedroht, sollte das Preis-Lohn-Abkommen nicht zurückgenommen werden.