Letzte Bühnen schlossen 1938


Meisels gab seinen späteren Revuen schließlich einen zionistischen Hintergrund und verbreitete Propaganda für Palästina, bevor er 1938 nach London emigrierte. In den frühen 30ern hatten bereits die ersten antisemitischen Übergriffe begonnen, Spielverbote wegen befürchteter "Hakenkreuzler-Demos" folgten. Ein großer Teil des Stammpublikums ging in die Emigration, solange diese noch möglich war. Schließlich brachte die NS-Herrschaft den absoluten Bruch, 1938 schlossen auch die letzten Bühnen.

Was wäre wenn? - Dieser Frage widmen Lisa Bolyos, Dieter Behr und Benjy Fox-Rosen das von ihnen kuratierte "KleynKunst Theater", eine Varieté-Show, die am 3. Oktober kontrafaktische Geschichte schreiben und an die zerstörte Szene von damals anknüpfen soll.

Gespielt und musiziert, getanzt und erzählt wird im Vindobona am Wallensteinplatz - in jenem Teil der Stadt, in dem vor 100 Jahren das Wiener Publikum noch jiddische Sänger aus Osteuropa um Zugabe gebeten hat. Kuratorin Lisa Bolyos stellt klar: "Wir wollen keinen Romantizismus, sondern fragen: Was wünscht man sich denn zurück? In welcher Stadt wollen wir eigentlich leben?"

Nach 1945 kamen nur wenige von jenen jüdischen Künstlern, die überlebt hatten, zurück. Erwähnt seien etwa Stella Kadmon und natürlich Gerhard Bronner und Karl Farkas, die an die frühere Bühnenszene anknüpften und damit teilweise Erfolg hatten. "Die 50er waren sehr konservativ. Bis in die 70er war Wien eine halbtote, graue Stadt", so Universitätsdozentin Dalinger.

"Die Nachkriegsjahre waren geprägt von Monotonie, Bourgeoisie, Einsprachigkeit und Hochkultur", sagt auch Kurator Dieter Behr. In den letzten Jahren hätte sich aber wieder eine lebhafte jüdische Musikszene entwickelt - das zeigt etwa das Klezmore Festival in Wien.

Mit ihrem "KleynKunst Theater" wollen die Kuratoren auch darauf aufmerksam machen, wie Wiens Kunst und Kultur wieder von Migration profitieren kann. Dass Migranten auf den großen österreichischen Bühnen heute immer noch kaum Chancen haben, ist auch für Theaterwissenschafterin Dalinger ein Trauerzeugnis. Das "KleynKunst Theater" legt seinen Fokus bewusst auf den Austausch: Der Bezug zur jüdischen Kultur ist nur ein Teil ihres internationalen und bunt zusammengewürfelten Programms. Die Varieté Show bietet etwa dem moldawischen Hochzeitssänger Slava Farber oder Jilet Ayse, der auf YouTube geschaffenen humoristischen Figur einer Kreuzberger Türkin, eine Bühne. Durch den Abend führen wird Didi Bruckmayr, Sänger der brachialen österreichischen Band Fuckhead.

Erinnern braucht auch Humor


Die Melancholie, die Beschäftigung mit jüdischer Kultur oft an den Tag legt, ist für die Kuratoren unangebracht. "Politisches Erinnern braucht auch Humor", so Lisa Bolyos, "aber nicht im Sinn von Schenkelklopfen, sondern von Erkenntnis, worüber ich lachen kann und wo’s mir vergeht." Die Mitwirkenden des Theaters wollen nicht nur unterhalten, sondern auch Raum für Konflikte bieten. Und so werden sie an diesem Abend der zentralen Funktion von Kunst nachkommen und singend, tanzend und spielend vor allem eines tun: stören.