Wien. Boxer stellen sie wie Trophäen zur Schau, ihre gebrochenen und wieder geheilten Nasen. Sie sind der Beweis für ihre Härte, ihr Durchhaltevermögen und ihre Leidensfähigkeit. Auch Johann Gudenus hat so eine Trophäe. Es ist ein kleiner Höcker auf der linken Seite seiner Nase. Dieser Höcker hat ihn in die Politik gebracht. "Mitunter", relativiert Gudenus und streicht vorsichtig über die schicksalshafte Ausbuchtung seiner Nase.

Sie entstammt einer Schlägerei. Es war an einem Nachmittag im Prater. Gudenus war mit seinen Freunden unterwegs. Die Jugendlichen wollten Autodrom fahren. Das war der Plan. Doch es kam anders. Eine "Ausländerbande" wurde aufmerksam auf Gudenus. Sie drängte ihn in einen Winkel und verprügelte ihn. Fünf, sechs, sieben Burschen sollen es gewesen sein. An die genaue Zahl erinnert sich der heute 39-Jährige nicht mehr. Alles ging sehr schnell. Nach ein paar heftigen Schlägen war die Bande wieder weg. Ebenso sein Geld.

13 Jahre alt war Johann Gudenus damals. Sein Gesicht war voller Blut. Die Nase angeschwollen. Immer wieder sei das passiert. Immer wieder hätten ihn Halbstarke angepöbelt. Und immer wieder hätte der junge Gudenus ihre Fäuste im Gesicht gehabt. Woher sie ursprünglich stammten, konnte er nie genau zuordnen, es war nur klar: Es waren Ausländer. Geprägt haben ihn diese Vorfälle bis heute. "Mitunter" wiederholt er, "aber es war keine Wutreaktion deswegen jetzt in die Politik zu gehen", stellt der Wiener FPÖ-Klubobmann klar.

Das Opfernarrativ scheint ihm nicht gefallen. Vielleicht, weil es auch so neu ist. Es sind andere Narrative, die normalerweise zur Rate gezogen werden um Johann Gudenus zu erklären, ihn einzuordnen, ihn einzuschätzen. Der Wolf im Schafspelz ist das Gängigste. Wobei immer mehr Wolf und weniger Schafspelz im Spiel ist, je näher die Wien-Wahl rückt. Schließlich ist Gudenus Heinz-Christian Straches Nummer zwei. Nach dem 11. Oktober soll er Vizebürgermeister werden. So wünscht es sich der FPÖ-Chef, wenn er die Wahl für seine Partei entscheidet. Und Gudenus soll an vorderster Front stehen.

Hassprediger oder Diplomat

Kein Wunder also, dass alle einmal mehr wissen möchten, was es mit dieser "unheimlichen Nummer Zwei", wie Gudenus mittlerweile tituliert wird, auf sich hat. Ist er Straches Mann für Grobe? Der Hassprediger, wie ihn Alexander Pollak, der Sprecher von SOS Mitmensch, in seinem aktuellen Buch bezeichnet? Ein rechter Ideologe, durch und durch verwachsen in dem geistigen Erbe der Burschenschaften, derer er Mitglied ist? Gudenus lächelt. Dieses Narrativ kennt er: "Ich bin Realist. Und ich glaube, vor allem mein Studium auf der diplomatischen Akademie hat mir gezeigt, dass nicht alles so rosig ist, wie es dargestellt wird."

Geboren in die einstige Adelsfamilie Gudenus, ist er der zweitälteste von vier Brüdern. Er besucht die Privatschule Theresanium, studiert später Jus am Juridicum und absolviert danach die Diplomatische Akademie sowie im Sommer Sprachkurse in Russland. Sein Vater ist der ehemalige Nationalrats-und Bundesratsabgeordnete John Gudenus. 2005 stellte dieser die Existenz der Gaskammern im "Dritten Reich" in Frage. Ein Jahr später wurde er wegen NS-Wiederbetätigung zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Immer wieder betonte Gudenus Junior, dass die Ansicht seines Vaters nicht teile und dass er "schreckliche Taten" nicht relativieren wolle.

Doch auch er steht seinem Vater im Laufe der Jahre mit markigen Sprüchen um nichts nach. "Der Islam ist nicht integrierbar, solche Leute haben sich eine Einbürgerung nicht verdient", "Tschetschenen sind gefährlich" oder "Jetzt heißt es ‚Knüppel aus dem Sack!‘ für alle Asylbetrüger, Verbrecher, illegale Ausländer, kriminelle Islamisten und linke Schreier!" gehören mitunter zu den berühmtesten Gudenus-Sagern. Als billige Provokation will er sie nicht verstanden wissen, eher als eine Frage der publikumsadäquaten Semantik: "Schauen Sie, das Denken ist ja klar. Es geht hier um die Sprache und es gibt Situationen, in denen man Sachen pointiert ausdrücken muss. Wenn ich weiß, dass ich nur zehn Minuten am Viktor Adler Markt habe, dann werde ich Dinge auch pointierter ausdrücken müssen", erklärt er.

"Lichtgestalt der rechtsextremen Basis"

Seit Jahren beobachtet das Dokumentationsarchiv (DÖW) des Österreichischen Widerstands den Aufstieg des Johann Baptiste Björn Gudenus. Wie er sich vom Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ) sukzessiv hochgearbeitet hat. Von Sager zu Sager. Von Auftritt zu Auftritt. Das Resümee: "Gudenus ist maßgeblich für den rechtsextremen Charakter der FPÖ und ihrer Jugendorganisation verantwortlich", sagt DÖW-Mitarbeiter Andreas Peham 2011 in einem Interview mit dem Monatsmagazin "Datum". Vier Jahre später bleibt er bei seiner Meinung. Auch heute gilt Gudenus für Peham das "Liebkind und die Lichtgestalt der rechtsextremen Basis" in der freiheitlichen Partei.