Doch was, wenn keiner mehr zuhört, weil jedes Argument - trotz aller Sachlichkeit als Propaganda der korrupten Elite und der "Lügenpresse" abgetan wird? "Sachargumente haben erst dann eine Chance durchzudringen, wenn eine emotionale Bereitschaft dafür besteht. Das rationale Urteil ist vom emotionalen abhängig, nicht umgekehrt", schreibt der deutsche Politikwissenschafter Ernst Hillebrand in seinem aktuellen Essay-Band "Rechtspopulismus in Europa."

"Wir brauchen das Gefühl der Verbundenheit und des Wir. Und zwar ein Wir nicht gegenüber dämonisierten Anderen, sondern Wir-Gefühle im Sinne einer positiven Identität", erklärt Micha Hilgers. Doch die etablierten Parteien, vor allem links der Mitte, hätten sich immer mehr davon entfernt. Zu sehr hat das emotionale "Wir" einen totalitären Beigeschmack, den Ruch eines dogmatischen Kollektivs, das kein Wenn und Aber zulässt. Eine Gratwanderung sei dieses Wir, das weiß Hilgers, dennoch befindet er: "Es ist ein schwerer politischer Fehler, Wir-Gefühle nicht anzubieten. Ohne sie kommen wir nicht aus und überlassen das den rechten Protagonisten."

Du sollst dir
ein Narrativ überlegen

Cas Mudde seufzt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt sich der niederländische Politikwissenschafter mit Populismus. Und seit Jahrzehnten kritisiert er den Voyeurismus zu dem Thema. Die Hysterie rund um die rechtspopulistischen Parteien in Europa, die so groß und so wichtig gar nicht sind, wie alle behaupten. Wie ihnen beizukommen ist? Den Straches, Le Pens und Wilders? Mudde seufzt wieder. "Mit guter Politik", sagt der renommierte Populismusforscher knapp. Mit konsequenter, kompetenter, transparenter, guter Politik. Natürlich klingt das schwammig. Dennoch. Wer eine Gesellschaft gegen populistische Ressentiments immunisieren will, muss ihr etwas anbieten. Ein Narrativ. Ein Konzept. Eine Vision. Das wurde in Österreich verabsäumt. Von jeder Partei. Und auch von den Medien. Keiner bietet einen Gegenentwurf zum rechtspopulistischen Narrativ. Im Gegenteil, insgeheim würde man es in gewisser Weise teilen, auch wenn das keiner zugeben möchte, meint Mudde. So gebe es auch bei den anderen Parteien und den Medien ein Unbehagen, gar eine latente Angst vor dem Islam und es gebe eine immer stärker werdende Skepsis gegenüber der europäischen Integration. "Sie möchten ja so gerne daran glauben, wissen aber nicht wie es funktionieren soll", erklärt Mudde, "daher gibt es ein ideologisches Vakuum."

Ein Vakuum, in das Parteien wie die FPÖ nur zu gerne stoßen. Die FPÖ hat ihr Narrativ. An dem hat sich seit 30 Jahren nichts verändert. "Strache profitiert noch immer von der thematischen, strategischen und kommunikativen Aufbauarbeit eines Jörg Haiders", erklärt Politologe Thomas Hofer. "Haider hat seit Mitte der 80er Jahre den Rahmen gestaltet. Dieser sagt, Migration ist gefährlich. Und das ist bis heute eine durchgängige Erzählung."

Die Erzählung ist so verankert, dass die Partei noch nicht einmal in die alte Schmuddelkiste à la "Daham statt Islam" greifen muss, um ihre Botschaft aufzuwärmen, ein einfaches "Aus Liebe zu Wien" reiche laut Hofer vollkommen aus. Die Geschichte ist erzählt. Und jeder in ganz Österreich kennt sie. "Die Parteien müssen zu ihrem ideologischen Kern zurückkehren", plädiert Cas Mudde. Er weiß, wie altmodisch es klingt, von Ideologie zu sprechen. Fast schon utopisch. "Damit riskieren die Parteien natürlich, einige Wähler zu verprellen. Aber ein ideologischer Diskurs ist der einzige Weg raus aus dem Problem", sagt er.

Pragmatismus ist nicht inspirierend

Vor allem Sozialdemokraten würde die Nachhilfe guttun. Sie sind es schließlich, die sich von ihren Wählern entfremdet haben und in deren stetig schrumpfendem Stammwählerteich die Populisten fischen. Sie sollten sich wieder ins Gedächtnis rufen, wofür sie stehen, was ihre einstigen Werte waren und wie sie diese mit neuem Leben füllen. So müsse die Sozialdemokratie "Solidarität" neu definieren. Für Mudde müsste deutlich sein, dass es sich dabei um eine inklusive Solidarität handelt, eine, die nicht nur für die "exotischen" Armen - wie beispielsweise die Flüchtlinge gilt - sondern auch sichtbar für die Einheimischen. Mudde lacht. Er weiß, dass dieser Ansatz in der Politik verpönt ist. Zu pathetisch. Zu ideologisch. Zu emotional. "Viele Politiker behaupten, dass es besser ist, pragmatisch zu sein", sagt er, "aber Pragmatismus ist halt nicht sehr inspirierend."

Vielleicht lassen sie sich in den nächsten Jahren ja doch zu ein bisschen Ideologie hinreißen. Vielleicht dann, wenn es ihnen irgendwann zu dumm wird, Umfragewerte zu zählen. Und ein Spiel zu spielen, aus dem sie immer wieder letzten Endes als Wahlverlierer aussteigen.