Wien. Es ist kurz nach 13 Uhr. An diesem Herbsttag herrscht in der Otto-Bauer-Gasse in Wien-Mariahilf ein reges Kommen und Gehen. An der Ecke rechts zur Schmalzhofgasse, wenn man von der Mariahilfer Straße herunterspaziert, stehen ein paar ältere Menschen mit Medikamenten in der Hand. Sie waren gerade in der Marien-Apotheke und unterhalten sich über den "etwas anderen Laden". "Wissen Sie, warum ich so gerne in diese Apotheke gehe? Weil dort noch Menschlichkeit und Respekt sowie eine ausgiebige individuelle Beratung im Vordergrund steht und nicht die Geschäftemacherei mit Pharmaprodukten", erzählt Elisa Schuster, die seit Jahren Stammkundin ist. Die menschliche und soziale Komponente unterstreichen auch andere Kunden im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Teresa W. (ihren Nachnamen will sie nicht preisgeben) spricht sogar vom "menschlichsten Eck Mariahilfs".

Was die Herrschaften zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Die Apotheke erhält am selben Abend für das Inklusionsprojekt "Ausbildung und Beratung von Gehörlosen Menschen" den Betrieblichen Sozialpreis 2015 von Sozialminister Rudolf Hundsdorfer. Ein Lokalaugenschein in dem Betrieb, den die 52-jährige Karin Simonitsch bereits in dritter Generation seit 1999 führt, zeigt, dass die auf den ersten Blick ganz normale Apotheke weit mehr zu bieten hat als Arzneimittel und Drogerieprodukte: Hier arbeitet Europas erster gehörloser Apotheker. Sreco Dolanc, 30, hat sein Diplom trotz seiner Beeinträchtigung mit einem Dolmetscher und mit Hilfe seiner Kommilitonen, die ihm ihre Skripten geliehen haben, an der Universität Ljubljana erworben.

Über einen Zeitungsartikel erfuhr er, dass die Marienapotheke bereits zwei gehörlose pharmazeutisch-kaufmännische Assistenten hatte. Also bewarb er sich spontan und ist seit 2013 ein unverzichtbarer Teil des Teams. "Ich finde es toll, dass mein Arbeitsplatz barrierefrei ist und ich hier in der Marienapotheke in meiner Muttersprache, der Österreichischen Gebärdensprache, kommunizieren kann. Und das mit gehörlosen und hörenden Kollegen und Kunden!", erklärt er stolz und lächelt bei seinen Erklärungen in der Gebärdensprache.

Manchmal kommt ein Dolmetscher aus dem Ministerium, manchmal läuft die Kommunikation auch über einen Schreibblock. Die Erfahrungen von Sreco im Kundenverkehr sind sehr wertvoll und durchwegs positiv, berichtet Simonitsch. "Unsere Kunden sind erstaunlich offen, und das quer durch alle Alters- und Sozialschichten. Es ist sogar so, dass durch das starke Gestikulieren eine oft liebevolle Körpersprache zwischen dem Apotheker und dem Kunden entsteht, von der beide Seiten sehr profitieren." Bei diesen Kundenkontakten kommt es auf jeden Fall zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und die besondere Situation lässt die Gefühlsebene besonders in den Vordergrund treten.

Simonitsch kam 2007 zu ihrem ersten gehörlosen "Schützling". "Das war damals ein Gefallen für einen Freund, Gerhard Iberer. Er ist Chellist bei den Philharmonikern gewesen und hat mir gesagt, dass er einen gehörlosen Sohn hat und ich bot ihm an, eine Lehre bei mir zu machen. Seitdem ist David Iberer bei mir und ist durch seine genaue und pflichtbewusste Art eine wichtige Bereicherung", erklärt sie. "Das Problem war anfangs, dass er die Gebärdensprache nicht konnte und diese erst im Laufe der Jahre lernte", sagt Simonitsch. Manchmal aber fügt sich eines zum anderen. So kam es auch. Ein Jahr nach Davids Eintritt, im Jahr 2008 kam der damals erst 16-jährige türkischstämmige Tolga Korkmaz zur Marienapotheke und machte nicht nur ebenfalls die Lehre zum pharmazeutisch-kaufmännischen Assistenten, sondern brachte David auch die Gebärdensprache bei. Mittlerweile sind beide fertig und die besten Freunde. Als David zum Interview aus der Produktion geholt wird, strahlen die Augen des heute 28-Jährigen. "Ich bin vollkommen zufrieden, in der Produktion zu arbeiten, und ich mag es sehr, dass ich alles ordentlich und sauber machen kann. Mir ist es sehr wichtig, dass alles genau gemacht wird", erklärt er einer Arbeitskollegin, die die Gebärdensprache übersetzt.

Auch die besagte Kollegin, Julia Gruber, ist ein wichtiges Bindeglied im Gesundheitszentrum für alle Gehörlosen. Sie beherrscht die Österreichische Gebärdensprache und kann so oft übersetzen. Julia ist ein sogenanntes Coda (Children of Deaf Adult)-Kind. Das bedeutet, sie ist ein Kind von gehörlosen Eltern und engagiert sich sehr für Gehörlose.

Kundenkontakt haben David und Tolga nicht oft, aber sie sind in der Produktion und im Labor bestens integriert im großen Team der Marien-Apotheke, das 49 Angelstellte umfasst. David arbeitet hauptsächlich in der Verblisterung. Das heißt, er hilft, die Medikamentenportionen für Seniorenheime abzupacken. Zudem muss er den Warenein- und Ausgang sorgfältig prüfen.

Besonders stolz ist David, dass er die Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen hat. Tolga, heute 22, hingegen liebt die Beratung an der Tara, dem Verkaufstisch in der Apotheke und möchte neben der Arbeit in der Produktion auch mehr und mehr in den Verkauf. Tolga hat mittlerweile über Facebook seine Frau, eine Gehörlose aus Deutschland, kennengelernt und sie geheiratet. Die beiden haben zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, beide können hören.