Wien. "Schau, die Ananas san aber b’sunders sche rot heuer!" Nein, hierbei handelt es sich um keinen redaktionellen Schreibfehler. Vor wenigen Jahrzehnten war in Wien noch Ananas nicht gleich Ananas. Denn statt der Südfrucht (die man als Hawaii-Ananas bezeichnete) wurden Gartenerdbeeren so genannt, um sie von Walderdbeeren zu unterscheiden. Heute sucht man in Supermärkten und auch am Naschmarkt vergeblich nach dieser Bezeichnung. Und das aus gutem Grund. Wichtig sei immer die Funktion, die Wörter haben, meint Sprachwissenschafter Ludwig Maximilian Breuer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Breuer erforscht am Institut für Germanistik in Wien die Facetten des Satzbaus des Wienerischen. Außerdem ist er am universitätsübergreifenden Projekt "Deutsch in Österreich" beteiligt, das alle Varianten der deutschen Sprache in Österreich - und somit auch alle Dialekte - erfasst und analysiert. "Auch wenn der Begriff Ananas für Erdbeeren in Österreich vereinzelt noch geläufig ist, hat er einfach an Bedeutung verloren. Gerade die Wortebene ändert sich bei Sprache relativ schnell", sagt Breuer. Je ausdrucksstärker, desto besser.

Große Ausdruckskraft in "bist deppat?"

"Ur" und "leiwand" hingegen hört man in Wien noch an fast jeder Straßenecke. Diese und viele andere Ausdrücke halten sich beständig im Wiener Vokabular und werden auch von Jugendlichen oft verwendet. "Gerade diese Wörter haben eine starke soziale Komponente. Damit kann man zeigen, dass man aus Wien ist, oder man gibt sich jugendlich. Beispielsweise ist ,ur‘ ein sehr expressives Wort. Man kann es also ur oft einsetzen", meint Breuer scherzend. Der Gesprächsatmosphäre ließe sich so auch eine lockere Note verleihen, fügt er hinzu.

Es ist in Wien auch gang und gäbe, sich über die Häuser zu hauen. Meistens nach einer Fluchtirade, denn die Wiener schimpfen einfach viel - oder? "Der Wiener Dialekt wird oft so dargestellt, als wäre er besonders schimpfwortreich. Das stimmt im Vergleich zu anderen Dialekten aber nicht. Man kann aber im Dialekt leichter schimpfen, weil es einem auch näher ist", erklärt Sprachforscher Breuer.

Schimpfwörter wie das klassische "bist deppat?" seien deshalb so beliebt, weil sie große Ausdruckskraft in sich trügen. Aber es müssen nicht nur Flüche sein. Allein schon kleine lautliche Anpassungen können ein Wort "wienerisch" klingen lassen, wie Musi statt Musik. In dieser lebt die Ausdrucksstärke des Dialekts übrigens heute noch, sei es in Heurigenliedern, den Hits von Wolfgang Ambros, Ludwig Hirsch und Georg Danzer oder den aktuellen Senkrechtstartern Wanda sowie Seiler und Speer.

Das Duo "Trackshittaz" lieferte mit dem Titel "Oida Taunz!" sogar den ersten Nummer-eins-Hit einer österreichischen Hip-Hop-Gruppe. Apropos Oida: Bei diesem Wort handelt es sich auch um ein Urgestein (nicht nur) des Wiener Dialekts. Passend dazu stammt es vom Begriff "Alter" ab. "Viele Jugendliche wissen das aber nicht und wenn zum Beispiel zwei Mädchen miteinander reden, sagen sie dann auch ,Oida‘ statt ,Oide‘, obwohl das grammatikalisch korrekt wäre. Es geht nur um das gezielte Einsetzen des Ausdrucks und die Funktion, dass man markiert ,Ich schimpfe jetzt‘ oder ,Ich rede locker‘", erklärt Breuer.

Diese große Fülle an Begriffen gehe nicht zuletzt auf die Habsburger zurück, die Wien zum Zentrum eines Vielsprachen- und Vielvölkerstaates gemacht haben. "Wien hat im Dialekt sehr viele Wörter aus dem Jiddischen, dem Tschechischen aber auch aus dem Französischen, Ungarischen, Türkischen und vielen anderen Sprachen. Der berühmte Wiener Schmäh kommt zum Beispiel aus dem Jiddischen. Das ist auch ein Urwiener Wort, dass sich sehr gut hält, weil man damit die spezifische Lebensart der Wiener gut beschreiben kann", erzählt Breuer.

Heutzutage sei vor allem die Binnenmigration in Österreich ausschlaggebend. Viele Menschen aus den anderen Bundesländern machen Wien zu ihrem Lebensmittelpunkt, sei es wegen Arbeit oder Studium. Das führe in Wien zu einem riesigen Sprachgemenge, sagt Breuer. Standarddeutsch, also Hochdeutsch, sei zwar wichtig, aber das Bewusstsein um die verschiedenen Dialektformen in Wien sei besonders groß. Daher würden sie auch dazu eingesetzt, um sich abzugrenzen oder besonders auszudrücken, betont er.

Sackbauer versus Schönbrunn

Wienerisch in seinen verschiedenen Varianten hatte auch schon vor Jahrzehnten eine wichtige Funktion als soziale Gruppenmarkierung. War in Arbeiterbezirken Dialekt in bester Manier eines Mundl Sackbauer vorherrschend, pflegten die wohlbetuchteren Herrschaften in den inneren Bezirken das Schönbrunner Deutsch, welches sich durch eine langgezogene, leicht nasalierte Sprechweise auszeichnete.

Erstere Dialektform hat sich in Wien bis heute gehalten, Schönbrunner Deutsch hingegen hört man im Alltag nur noch vereinzelt bei Obern in Alt-Wiener Traditionskaffeehäusern oder dem ein oder anderen Fiaker. Ein Sieg für die Arbeiterklasse, zumindest auf sprachlicher Ebene? "Ich glaube, dass man Schönbrunner Deutsch noch in den Medien oder im Kabarett finden kann, aber die soziale Markierung ist nicht mehr so angebracht", gibt Breuer zu bedenken. "Man spricht dann eine andere Prestigevariante, eher Hochdeutsch beziehungsweise ein Wiener Hochdeutsch."

"Der Wiener Dialekt hat in der Gesellschaft immer noch große Bedeutung. Anders als früher ist er jedoch nicht mehr unbedingt Alltagssprache, die jeder aktiv verwendet, sondern kreative Ressource", sagt der Sprachwissenschafter. "So wie das Siezen und Duzen dazu verwendet werden kann, Respekt, soziale Nähe oder Distanz auszudrücken, ist das auch mit Dialekt möglich. Beginnt beispielsweise ein Politiker auf einmal, im Dialekt zu sprechen, kann er so markieren, woher er kommt, aber gleichzeitig auch Nähe herstellen, da Dialekt normalerweise auch als Familiensprache gilt", erklärt Breuer.

Auch Medien würden gerne mit Dialekt spielen. "In einem Umfeld, in dem Hochsprache die Norm ist, ist der Dialekt besonders ausgefallen und kann daher sehr wirkungsvoll eingesetzt werden", erklärt er. So fände sich Wienerisch oft in Rezensionen, Kommentaren oder Glossen wieder. "Beispielsweise wurde in einer Boulevardzeitung in einer Theaterkritik gefühlt jedes zweite Wort mit dem für das Wienerische klassischen ,-erl‘-Diminutiv verkleinert, um eben auszudrücken, dass das Stück nicht so toll war", erinnert sich Breuer.