Wien. Pamela Anderson hatte es nicht leicht. War sie schon vor drei Jahren von Fotografen dermaßen belagert worden, dass sie meinte: Das halte sie nicht aus. So wurde sie auch heuer wieder förmlich an die Wand gedrückt, mit gesenktem Blick und leicht vor das Gesicht fallenden Haare leicht ertrug sie die "Baywatch"-Rufe still, zumindest für diesen Moment.

Doch das ist nichts Neues. In gewohnten Abläufen - ohne große Hoppalas - ging der 60. Opernball zu Ende. Er fiel vor allem schlicht aus - vom Blumenschmuck bis zu den Kleidern der Damen. Placido Domingo war der Star des Abends und für viele das einzig besondere der Jubiläumsausgabe, die gleichzeitig der Abschied von Organisatorin Desiree Treichl-Stürgkh war. Doch war es gerade diese elegante Schlichtheit und Zurückhaltung, die diese Ballausgabe zu etwas Besonderen machten? Desiree Treichl-Stürgkh trug ein goldenes Federkleid, auf welches nicht nur ihr Mann ab und zu stieg. "Ich hab bald keine Federn mehr", lachte sie und selbst nach der Eröffnung war sie noch "mitten in der Arbeit".

Der Blumenschmuck ob in der Höhe oder in den Händen der Debütantinnen war blass gehalten, ein bisschen lila Flieder war umrahmt mit viel Schleierkraut. So wirkte der diesjährige Opernball etwas farblos in Anlehnung an die Vergangenheit, für die der Marmorsaal eine Ausstellung bereithielt. In beeindruckend großformatigen schwarz-weiß Fotografien von der Opernball-Eröffnung im Jahr 1956 sah man Schnappschüsse von der damaligen Gesellschaft.

Die Fotos zeigten, was den Opernball auch heute noch leben lässt. Vom reichen Schnösel über die Hollywood-Schönheit bis zum einfachen Mädchen, das sich einen Traum erfüllt, von der Anfangs steifen Haltung bis zum lockeren Gelage, vom Sektglas in der einen und dem Würstel in der anderen Hand, vom Ausstalieren auf niedrigstem Niveau "Bist deppat, is di schiach" bis zur intelligenten Unterhaltung – ist alles am Ball vertreten.

"Wunderschön!", schwärmte eine Dame. Sie hat sich einen Kindheitstraum erfüllt und kaufte sich gemeinsam mit einer Freundin anlässlich ihrer runden Geburtstage Karten. "Nur der Blumenschmuck, der ist eine Katastrophe", sagte Christina K. Dieses Kraut gebe man doch nur wo dazu. Gemeinsam mit ihrer Freundin machte sie sich auf die Suche nach der Loge von Richard Lugner.

In den schmalen Gängen der Politiker-Logen herrschte reges aber nicht zu volles Treiben. Überhaupt bot die Tanzfläche mehr Platz als sonst. Heuer seien weniger Leute hier, meinte ein Kellner. Die Regierungsmitglieder wirkten entspannt. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner kam gemeinsam mit Hofburg-Anwärter Andreas Khol. Wiens Bürgermeister Michael Häupl ging an Österreichischer Wirtschaftkammer-Präsident Christoph Leitl vorbei, für ein Gespräch blieb er nicht stehen, aber die Hände wurden geschüttelt. Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer sprach angeregt mit zwei Damen und Sozialminister Alois Stöger ging heiter auf die Loge des Bundespräsidenten Heinz Fischer zu. Wird der Opernball für politische Gespräche genutzt? "Das ist unvermeidlich", sagte Stöger lachend. Stöger war erst das zweite Mal dort und wirkte dementsprechend frisch. "Es ist spannend, wenn man auf den Gängen geht und mit den Leuten auf einer anderen Ebene als sonst ins Gespräch kommt", sagte er. Auch Barbara Leitl-Staudinger, Leitls Tochter, war angetan. Sie war das erste Mal am Opernball. "Genauso habe ich mir das vorgestellt", sagte sie. Leitl selbst führte angeregte Gespräche, sogar über das Leben selbst. "So spielt das Leben. Wir stehen immer an Schnittpunkten", reflektierte er auf den Abschied von Desiree Treichl-Stürgkh. "Ich habe gespürt, dass sie zwischen der Freude über ein gelungenes Fest und der Wehmut über den Abschied steht", sagte Leitl. Und ganz im Sinne des Abschieds kam er auf die Jugend zu sprechen, die so großartig den Opernball eröffnet hätte. "Also diese Jugend lässt hoffen", sagte er.

Für eine Zukunft mit Opernball auch noch in 60 Jahren? Die Jugend war sich da aber noch nicht so einig. Sie lehnte in einer Ecke. Eine Debütantin im weißen Kleid und ihr Partner. "Es war so schön und es ist alles gut gegangen", schwärmte die Anfang 20-Jährige mit groß aufgerissenen Augen. "Das war meine erste und meine letzte Eröffnung", sagte ihr Partner nüchtern. Sie schaute schockiert und blickte flehend zu ihm: "Aber geh …" Doch er blieb beinhart: "Nie wieder".