Maschinen- und Handarbeit ergänzen sich im Posamentiergewerbe bis heute. - © Diva Shukoor
Maschinen- und Handarbeit ergänzen sich im Posamentiergewerbe bis heute. - © Diva Shukoor

Wien. Laut rattern die Flecht- und Wirkmaschinen. Stich für Stich folgt die Nadel dem Muster auf dem roten Stoff. Garne und Fäden in schillernden Farben, Spulen mit Draht, Schnüre und Gespinste lagern auf Regalen der mehrstöckigen Werkstatt. Mit Geduld und Fingerspitzengefühl arbeiten Stickerinnen an ihren Auftragsstücken. In einer Ecke klappern computergesteuerte Webstühle, in einer anderen steht ein hölzernes Handdrehrad zur Anfertigung von Kordeln. Ein stiller Gruß aus vergangener Zeit.

Schon seit Beginn des vorigen Jahrhunderts stellt der Familienbetrieb M. Maurer in der Neubauer Kandlgasse Posamenteriewaren her. "Mein Großvater hat das Haus hier um 1910 gebaut, gegründet hat die Firma aber mein Ur-Ur-Großvater 1863", erzählt Seniorchef Konrad Maurer. "Posamen-was? Noch nie gehört!" sei eine häufige Reaktion, wenn Menschen zum ersten Mal mit seinem Gewerbe in Berührung kommen. Dabei sind die Produkte schon jedem einmal begegnet: Posamentierer fertigen zum Beispiel Fransen, Borten, Kordeln und Quasten, geflochtene Seile und Schnüre sowie Ordensbänder, Logos, Abzeichen und Epauletten von Uniformen. Der Name "Posamenten" stammt vom französischen Wort "passement" und steht für Besätze, die zur Verzierung auf Textilprodukte appliziert werden. Die Erzeugnisse finden sich als Schmuckelemente an Möbeln und Vorhängen, in der Mode- und Beleuchtungsbranche, im Bestattungswesen, bei Feuerwehr, Heer und Polizei, in Museen, Theatern, Kirchen und Schlössern. "Posamenterie hatte immer schon den Zweck, textile Gebrauchsgegenstände zu schmücken, zu erfreuen, zu verschönern, oder um zu betonen, was man ist oder hat", erklärt Maurer.

Zur Zeit der Betriebsgründung war die Firma Maurer eine von vielen, heute ist sie der letzte verbliebene Posamentenerzeuger in Wien. In dem Hinterhofhaus finden sich auch heute noch eine Weberei, Flechterei, Spinnerei und Stickerei. Neben den 25 Mitarbeitern beschäftigt der Betrieb auch Lohnstickerinnen, die in Heimarbeit von außen zuliefern. Ursprünglich war der Familienbetrieb auf Gold- und Silberposamenterie - die Verarbeitung von vergoldeten und versilberten Drähten, zum Beispiel für die Aufhängung von Lustern - spezialisiert gewesen. Über die Jahrzehnte wurde das Sortiment erweitert und traditionelles Handwerk mit moderner Technik verknüpft. Aber auch die historischen Geräte kommen teilweise noch zum Einsatz. "Vieles kann heute maschinell hergestellt werden, aber ganz ohne Handarbeit geht es im Posamentiergewerbe nicht", sagt Maurer, der seine Lehre noch als Kombination aus den Berufen Drahtzieher, Bandweber, Gold- und Silberposamentierer und Schnurmacher absolvierte.

Erster Schwund durch Industrialisierung


Die Posamentierer haben in Wien eine lange Tradition: Um 1730 etwa gab es mehr als 300 Mitglieder dieser Zunft, zu denen Schnur- und Bortenmacher, Krepin-, Knopf- und Bandmacher zählten. Mit der zunehmenden Mechanisierung setzte ein erster Schwund dieser Traditionsbetriebe ein. Um 1880 waren es noch rund 80, von denen die meisten im 7. Bezirk angesiedelt waren. "Die Löhne waren niedrig und das Material teuer", beschreibt Konrad Maurer den früheren Arbeitsalltag.

Die Zahl der Posamentierer schrumpfte in den folgenden Jahrzehnten europaweit zugunsten von einigen wenigen Mittel- und Großbetrieben, die den Umstieg auf Maschinen finanziell verkraften konnten. Auch der Bedarf ging weiter zurück. Die Öffnung der Märkte in Richtung Fernost und später Osteuropa bedeutete ab Ende der 1970er Jahre dann schrittweise das Aus für die heimischen Posamentierer. Manche fanden auch schlicht keinen Nachfolger. Konrad Maurer sah seine ehemaligen Konkurrenten einen nach dem anderen zusperren. Einige Firmen kaufte er auf oder übernahm deren Maschinen für seine Werkstatt.

Besonders gutgegangen sei es der Branche während der k.u.k. Monarchie, sagt Maurer: "Da gab es ein millionenstarkes Heer und damit jede Menge Uniformen, die bestückt werden mussten." Zudem waren der kaiserliche Hof und die herrschaftlichen Palais’ gute Abnehmer für Posamenterie-Erzeugnisse. Heute sei die Freiwillige Feuerwehr als größter Uniformträger einer der wichtigsten Auftraggeber der Firma. Auch Trachtenhersteller zählen zu den Großkunden, Großhändler für Bekleidung oder Nähbedarf sowie ausländische Textilfirmen. "Aber auch kleine Vereine und Privatleute schätzen unseren Betrieb, weil man bei uns auch noch in kleinsten Mengen bestellen kann", so Maurer.

Vom Schnurmacher
zum Händler


Zu den langjährigen Traditionsbetrieben der Branche zählt auch die Firma "Karl Peter’s Söhne" in der Neubaugasse 11. Über acht Generationen hat diese sich vom Schnurmacher- zum umfassenden Posamentriebetrieb mit Erzeugung und Einzelhandel entwickelt, bis die Familie 1968 die Produktion einstellte und die Werkstatt nach mehr als 200 Jahren schloss. Heute führt Karlheinz Peter den Betrieb als reines Handelsunternehmen mit Spezialisierung auf Posamenterieware, Handarbeiten, Stickereien und Nähzubehör. "Wir sind das einzige Posamentiergeschäft, das es in der Stadt noch gibt", sagt der Geschäftsmann. In jahrelanger Recherchearbeit hat er die Geschichte des Betriebs für die Familienchronik rekonstruiert: Der Schnurmacher Heinrich Peter war 1732 aus dem deutschen Dinkelsbühl nach Wien gekommen, hatte eine Posamentiererstochter geheiratet und den damaligen Betrieb Ecke Glacis/Josefstädter Straße übernommen. Der Standort wurde im Laufe der Jahrhunderte unzählige Male gewechselt, die Söhne lernten von den Vätern. Die Firma belieferte die in Neubau erblühenden Textilbetriebe, der Großvater war k.u.k. Hoflieferant und auch an die als "Wiener Typen" bekannten Bandlkramer, die mit ihrem Bauchladen von Haus zu Haus zogen, wurde die Ware verkauft. Zudem war neben dem Heer die Ausstattung von bürgerlichen Wohnungen ein guter Geschäftszweig.