Schwierige Situation am Getreidemarkt. - © Moritz Ziegler
Schwierige Situation am Getreidemarkt. - © Moritz Ziegler

Wien. Während London unter seinem konservativen Bürgermeister Boris Johnson in den nächsten zehn Jahren eine Milliarde Euro in Fahrrad-Super Highways pumpt, während Norwegens Städte aus einem Sonderbudget von 850 Millionen Euro für Radschnellwege schöpfen und Paris mit 150 Millionen Euro das Radwegenetz um das Doppelte erweitert, steckt Wien heuer den Betrag von sechs Millionen Euro in den Ausbau des Radwegenetzes.

Allein die Sanierung der Praterbrücke wird 47 Millionen Euro kosten - und das ist nur ein Bruchteil der Gesamtausgaben für die Sanierung der A23. Mit derart knappen Mitteln ist es wenig verwunderlich, dass das Radverkehrs-Bauprogramm zurückhaltender ausfällt. Von Seiten der Radlobby Wien, der Interessensvertretung der Radfahrenden in Wien, kommt gemischte Kritik. Zwar werde punktuell die Situation verbessert, doch blieben zahlreiche wichtige Projekte auf der Strecke.

"Weiterhin fehlt Radinfrastruktur auf der Triester Straße, die Wagramer Straße und der Wiedner Hauptstraße", sagt Roland Romano, Infrastrukturexperte der Radlobby Wien: "Auch die Fahrradstraße Argentinierstraße, der Radweg Rennweg oder der Lückenschluss Alser Straße haben es leider nicht ins Radwegeprogramm 2016 geschafft." Mit diesen Maßnahmen werde sich Wien den Titel "Fahrradstadt" nicht verdienen, meint Romano. Im Gegenteil: "Wien wird gerade von Städten überholt, die in der Vergangenheit alles andere als Fahrrad-Städte waren, jetzt jedoch erfolgreich in den Radverkehr investieren."

"Natürlich würde ein größeres Budget dazu beitragen, den Radverkehr zu steigern und die Klimaschutzziele von Paris zu erreichen", weiß Martin Blum, der Chef der Mobilitätsagentur. Wien habe aber bei der Radinfrastruktur bereits ein deutlich höheres Niveau als etwa London. Blum: "Wir schlagen zwar nicht - wie in London - eine Schneise für einen Rad-Superhighway vor. Aber wenn Prozesse bei uns einmal in Gang gesetzt sind, werden sie kontinuierlich umgesetzt." So konzentrieren sich die baulichen Maßnahmen im Wesentlichen auf Lückenschlüsse des bestehenden Radwegenetzes sowie auf die Fortführung einiger größerer Projekte. Hier ein Überblick.

Der Getreidemarkt - jenes Straßenstück der ehemaligen Zweierlinie zwischen Mariahilfer Straße und Naschmarkt - ist eine essentielle Verbindung für den Radverkehr. Bisher war die Situation für Radfahrer heikel, weil sie sich erst in einem zu schmalen Mehrzweckstreifen im dichten Verkehr bewegen mussten und weil dieser Streifen dann bei der Lehargasse plötzlich endete. Die jetzt vorgesehenen Umbaumaßnahmen beinhalten einen Einrichtungsradweg von der Mariahilfer Straße bis zur Wienzeile. "Allerdings fehlt weiterhin eine Lösung für die Fahrtrichtung bergauf zu Zielen wie dem TU-Standort am Getreidemarkt, der Gumpendorfer Straße und dem Gymnasium Rahlgasse", erklärt Roland Romano, Infrastruktur-Experte der Radlobby Wien: "An dieser Stelle bräuchten wir durchgängige, breite, baulich getrennte Radwege von der Mariahilfer Straße bis zur Operngasse in beiden Fahrrichtungen ."

Ein traditionell schwieriges Pflaster für Radfahrer ist die Wiener Innenstadt. Mit der Peregrinstraße zwischen Kolingasse und Maria-Theresien-Straße im 9. Bezirk beginnt die Umsetzung der neuen Cityquerung Ost-West. Im Bauprogramm 2016 ist ein Teil des Lückenschlusses enthalten: Immerhin wird die Einbahn in der Wipplingerstraße für Radfahrende vom Ring bis zur Renngasse in beide Richtungen befahrbar. Weiterhin fehlt jedoch die Fortführung bis zu den Tuchlauben und zum Hohen Markt.

Entlang der Ringstraße verlaufen Wiens am stärksten befahrene Radwege. In den vergangenen Jahren bemühte sich die Stadt, die Infrastruktur zu überarbeiten und Konfliktstellen zwischen Radfahrern und Fußgängern zu entschärfen. Die Radwegführung etwa vor dem Burggarten verläuft nämlich kurvenreich und wenig praktikabel. Jeder Radfahrer kennt das Problem der Touristengruppen, die die Strecke verstellen. Die Stadt begegnete dem Problem teilweise mit einer Umgestaltung. Gelungenes Beispiel: die Strecke am Inneren Ring am Schottentor. Beziehungsweise mit dem Auszeichnen von Teilstücken mit grüner Farbe. Außerdem bemüht man sich, den fragmentarisch vorhandenen Ringradweg am äußeren Ring abzuschließen. Bisher klaffte da beim sogenannten Jonas-Reindl, der Straßenbahnschleife am Schottentor, eine Lücke. Heuer wird sie geschlossen: Ein neuer Radweg wird errichtet, zwei Einbahnen geöffnet und der Platz in der Nebenfahrbahn umverteilt.

Im Jahr 2015 wurde mit der Umgestaltung der Goldschlagstraße (15. Bezirk) zur fahrradfreundlichen Straße nach Vorbild der Hasner Straße begonnen. Diese wichtige Verbindung mit überregionaler Bedeutung wies bisher einige Mankos auf: schmale Radstreifen neben parkenden Kfz und fehlender durchgängiger Vorrang für Radfahrende. Im Lauf des heurigen Jahres wird die Strecke von der Johnstraße bis zur neuen Gürtelquerung umgebaut.

Ein 500 Meter langer Teilabschnitt soll sogar eine richtige Fahrradstraße gemäß StVO werden, das heißt: Radfahrer haben hier Vorrang, dürfen nebeneinander fahren und das bei Tempo-30-Limit. Das freut auch den Radlobbyisten Romano: "Bisher war es so, dass Fahrradstraßen irgendwo am Stadtrand errichtet wurden. Mit der Goldschlagstraße bekommt die Stadt ihre erste Fahrradstraße im zentrumsnahen, dicht bebauten Gebiet."