Wien. Bloß nicht provozieren lassen, lautet die Devise in der Lindengasse 40. Bis Dienstagmittag war man hier noch ein bisschen nervöser. Denn ausgerechnet vor der Zentrale der Wiener Grünen im 7. Bezirk hätten die rechtsextremen Identitären aufmarschieren wollen unter dem Motto: "Eure Schuld. Kundgebung gegen Terror und offene Grenzen". Die Begründung für den Aufmarsch vor der grünen Parteizentrale: Parteien wie die Grünen seien mit ihrer Zuwanderungspolitik schuld an den jüngsten Vorfällen in Deutschland und Frankreich. "Sie haben das Blut von Nizza und Reutlingen an ihren Händen. Sie sind Mitschuld an Ansbach. Die Terroristen dürften alle nicht in Europa sein", so Identitären-Sprecher Martin Sellner.

Aufgrund der räumlichen Bedingungen wurde die Demonstration dann aber auf den Christian-Broda-Platz beim Westbahnhof verlegt. Die Polizei hätte in der schmalen Lindengasse keinen entsprechenden Schutz für eine derartige Veranstaltung gewährleisten können. Nun versammelten sich die Identitären also am Mittwochabend ab 19 Uhr einen knappen Kilometer entfernt.

Bei den Grünen gab man sich angesichts der Identitären-Demo betont gelassen. Dass man als Zielscheibe auserkoren wurde, sorgte kaum für Aufregung. Zumindest wurde das in der Kommunikation nach außen signalisiert. "Die freiheitlichen Randalierer sollen ihre Demonstration genießen und sich lächerlich machen", so Sicherheitssprecher Peter Pilz. Er werde sich ihnen nicht in den Weg stellen: "Ich werde gar nicht Flagge zeigen. Ich gehe heute Schwammerl suchen. So weit kommt es noch, dass ich von Identitären von der Schwammerlsuche abgehalten werde."

Bei den Wiener Grünen war die Haltung ähnlich: Gegenaktionen zur Demonstration seien keine geplant. Dafür wurde zu einer Spendenaktion für Flüchtlinge aufgerufen. "Für jede oder jeden, der oder die der Einladung der Rechtsextremen zur Demonstration am Christian-Broda-Platz folgt, spenden die Grünen Wien 10 Euro an die Flüchtlingsarbeit der Caritas", kündigte Joachim Kovacs, Landessprecher der Wiener Grünen an. Ein kurzes Dankschreiben für die Spenden wurde am Eingangstor der Lindengasse angebracht. Zu mehr wolle sich die Landespartei nicht hinreißen lassen.

Bei den grünen Studenten (GRAS) sah die Gefühlslage anders aus, sie riefen zur Gegendemo auf. Auch diese fand nahe des Christian-Broda-Platzes statt. Schlussendlich standen 70 bis 80 Identitäre rund 150 Gegendemonstranten gegenüber, die, von Polizeiabsperrungen getrennt, die Demonstration stören wollten. Die beiden Gruppen trafen also nur akustisch aufeinander: Während die Antifaschisten Slogans wie "Say it loud, say it clear, refugees are welcome here" schmetterten, revanchierten sich die Identitären mit Parolen wie "Heimat, Freiheit, Tradition, Mulitkulti Endstation".

Schweigeminute
"auch für die Ertrunkenen"


Identitären-Frontmann Sellner rief seine Anhänger dazu auf, die auf der Kundgebung verteilten Flyer mit einer Kerze bei den Grünen in der Lindengasse abzugeben - als Gedenken an die Opfer der jüngsten Anschläge. Die abschließende Schweigeminute hielt er dann auch "für alle Opfer dieser riesigen Völkerwanderung" ab, "auch die Ertrunkenen".

Nach dem Ende der Identitären-Demo gegen halb acht löste sich die Gruppe rasch auf. Auch auf der Seite der Gegendemonstranten wurde es rasch ruhig.