Verena Krausneker zeigt das Wort "Bilingual". - © Stanislav Jenis
Verena Krausneker zeigt das Wort "Bilingual". - © Stanislav Jenis

Wien. Das "Erasmus+"-Projekt "De-Sign Bilingual" untersuchte zwischen 2014 und 2016 gebärdensprachlich-bilingualen Unterricht in 39 Ländern Europas. Eine der Schulen, die hier wegweisend arbeiten, befindet sich in Wien. Die Ergebnisse wurden am Freitag bei einer Tagung an der Universität Wien präsentiert. Die "Wiener Zeitung" sprach mit der Projektleiterin Verena Krausneker über den Zugang zu Bildung für Österreichs Gehörlose. Ihre Zahl wird nicht erhoben, man schätzt aber, dass hierzulande 8000 bis 10.000 Menschen von Geburt an nicht hören.

"Wiener Zeitung":In 80 Prozent der europäischen Länder, die Sie untersucht haben, gibt es für Kinder mit einer Hörbehinderung die Möglichkeit, Gebärdensprache in der Schule zu lernen. Wie sieht die Situation in Österreich aus?

Verena Krausneker: Österreich ist ein Land, wo Kinder Zugang zur Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) bekommen können, aber nicht überall und nicht automatisch.

Wie sieht der Schulbesuch von gehörlosen Kindern in Österreich konkret aus?

Österreich ist ganz typisch für diese 39 Länder, die wir uns angeschaut haben. Sicher die Hälfte der Kinder wird "gemainstreamt" oder inklusiv unterrichtet, das heißt, sie gehen in eine Regelschule. Der Umgang hier ist auch, dass man mit technischen Hörhilfen das "Problem" versucht in den Griff zu bekommen und dass so die Einstellung ist, Gebärdensprache ist das letzte Mittel der Wahl. Einstellung zu Hörbehinderung ist aber ein ganz wichtiger Faktor. Und die Einstellung ist nicht sehr offen, nicht sehr akzeptierend, nicht sehr holistisch. Kinder werden oft darauf reduziert, wie viel sie hören oder nicht hören.

Bimodal-bilinguale Bildung gilt unter Experten als Optimum, also das Nebeneinander von Laut- und Gebärdensprache. Wie funktioniert das in der Praxis?

Bilingualen Unterricht hat ja nicht die Gehörlosengemeinschaft erfunden. Das ist etwas, was in vielen Kombinationen und in vielen Settings schon seit Jahrhunderten praktiziert wird. Gegenwärtig werden in Österreich sowohl die autochthonen Minderheitensprachen - Tschechisch, Slowenisch, Kroatisch etc. - an bilingualen Schulen unterrichtet als auch neuere Sprachen wie Englisch. Und bimodal-bilingual ist es, wenn eine Sprache wie Deutsch im Unterricht geschrieben und gesprochen und Österreichische Gebärdensprache gebärdet wird.

Wie kann man sich das im Unterricht vorstellen?

In diesem Projekt sind wir auf zwei Dinge draufgekommen: Dass europaweit inklusiver Unterricht - also gehörlose und hörende Kinder lernen gemeinsam - und bilingualer Unterricht sehr oft als problematischer Widerspruch betrachtet werden, auch von den Institutionen und Behörden. Es gibt aber Schulen, wo hörende und nicht hörende Kinder gemeinsam unterrichtet werden und wo es eine gemeinsame Sprache gibt: die Gebärdensprache. Und wie man das konkret umsetzt, dafür haben wir wiederum ganz unterschiedliche Beispiele gefunden, vom Team-Teaching bis zum Einsatz von Dolmetschern. Dort, wo es gut funktioniert, werden jedenfalls beide Sprachen als gleichwertig verstanden und gleichwertig eingesetzt. Und es gibt eine rechtliche Grundlage. Mit einem festen Rahmen und einem Lehrplan oder Curriculum tun sich solche Schulen leichter.

Eine dieser Good-Practice-Standorte befindet sich auch in Wien. Welche Schule ist das und wie gestaltet sich der Unterricht dort?

Das ist die Volks- und Mittelschule Pfeilgasse und dort gibt es eine Kooperation zwischen dieser sogenannten Regelschule und dem Bundesinstitut für Gehörlosenbildung. Das heißt, die spezialisierten Lehrerinnen von dort kommen in das inklusive Setting. Fast 60 Hörende und an die 20 Gehörlose werden dabei in drei Mehrstufenklassen gemeinsam von hörenden und gehörlosen Pädagogen und Pädagoginnen unterrichtet. Unter den hörenden Schülern gibt es übrigens auch Kinder aus gehörlosen Familien, deren Erstsprache also die ÖGS ist.

Warum funktioniert der Unterricht dort besonders gut?

Es ist ganz sicher wichtig, dass es spezialisierte Lehrende gibt. Zweitens: selbst gehörlose Pädagogen und Pädagoginnen. Das ändert die gesamte Kommunikationskultur. Diese drei Mehrstufenklassen haben zudem eine Kooperation mit einem Wiener Gymnasium, der Karajangasse, wo eine Übergangsklasse zur Verfügung steht. Die Kinder haben also die Möglichkeit ins Gymnasium zu wechseln und dort wieder in Begleitung von ÖGS-kompetenten Personen zu maturieren.

Welche Bildungsabschlüsse sind insgesamt möglich als Gehörloser in Österreich?

Gehörlose Menschen können alle Bildungsabschlüsse erreichen und haben auch alle Bildungsabschlüsse erreicht. Was ich in meiner Arbeitszeit sehen konnte, ist, wie sich die Gehörlosengemeinschaft nun inzwischen die tertiäre Bildung, also die Universität, erobert - langsam, Stück für Stück, Person für Person.

Wie bewerkstelligt man als Gehörloser ein Uni-Studium?

Erstens sehen wir, dass gemainstreamte hörbehinderte Jugendliche, die es irgendwie geschafft haben in ihrer Schule, aber nicht ÖGS gelernt haben, es an der Uni dann sehr schwer haben. Und die, die ÖGS-Kompetenz haben, sich leichter tun, weil sie mit Dolmetschern voll teilhaben können. Es gibt in Wien seit einigen Jahren ein Projekt von der Technischen Universität gemeinsam mit dem Wissenschaftsministerium, das für alle gehörlosen Studierenden an Wiener Unis Dolmetscher, Mitschreibkräfte, Tutoren und Tutorinnen organisiert. Dieses Projekt heißt Gestu - "Gehörlos erfolgreich studieren" - und hat sehr viel verändert. Das ist Barrierefreiheit.