Weniger Frauen
in Betreuung


Erst 2013 eröffnet, ist das Ester das zweite Obdachlosentageszentrum für Frauen in Wien. Daneben gibt es noch das FrauenWohnZimmer, das von der Caritas betreut wird. Das bestehende Angebot sei zwar durchaus gut, so Loibl, man müsse sich allerdings auch fragen, wo noch Nachbesserungsbedarf herrscht. Diesen sieht sie vor allem in fehlenden Angeboten für junge oder psychisch kranke Frauen. Diese Gruppen könnten in bestehenden Einrichtungen oft nicht optimal betreut werden. "Vor allem junge Frauen sind in Erwachseneneinrichtungen meist überfordert", so Loibl.

Trotz gesonderter Angebote betreute die Wiener Wohnungslosenhilfe vom Fonds Soziales Wien im vergangenen Jahr weit weniger Frauen als Männer: Rund ein Drittel der 10.020 betreuten Erwachsenen war weiblich und von den 587 Nachtquartiersplätzen, die im März 2015 zur Verfügung standen, waren lediglich 73 von Frauen belegt. Dass Frauen bei diesen Zahlen unterpräsentiert sind, liegt größtenteils daran, dass sie gemischtgeschlechtliche Tages- und Wohnzentren nur selten nutzen. Da sie in diesen Einrichtungen in der Minderheit sind, würden Frauen weniger als eigene Zielgruppe wahrgenommen werden, so Meichovsky. "Viele Frauen nutzen gemischtgeschlechtliche Einrichtungen auch deshalb nicht, weil sie sich nicht den Blicken und Kommentaren anderer Obdachloser stellen wollen und können."

Um Frauen aus der verdeckten Wohnungslosigkeit zu holen, braucht es daher Einrichtungen wie das Ester oder das FrauenWohnZentrum, die sich speziell an eine weibliche Zielgruppe richten. Auch gemischtgeschlechtliche Einrichtungen könnten durch Kinderbetreuungsangebote oder weibliche Ansprechpersonen attraktiver gestaltet werden.

Eine entscheidende Rolle dabei wie Frauenobdachlosigkeit in der Öffentlichkeit und von den Betroffenen wahrgenommen wird, spielen auch die Medien. "Wenn immer nur Bilder von obdachlosen Männern transportiert werden, erzeugt das bei vielen wohnungslosen Frauen Unsicherheit: Alle schaffen es, nur ich nicht", sagt Loibl. Deshalb ginge es vor allem darum, ein breiteres Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. "Man muss den Frauen zeigen, dass sie nicht alleine sind."