Wien. Gemeinsam mit ihrem Verteidiger Martin Mahrer betritt die Angeklagte den Gerichtssaal. Alle Kameras und Fotoapparate sind auf sie gerichtet. Die junge Frau nimmt vor dem Zeugenpult Platz. Sie ist sichtlich mitgenommen, ihre Füße zittern. Schützend hält Mahrer seinen Mantel vor ihr Gesicht. Die zierliche Frau verbirgt sich dahinter und holt tief Luft.

"Ich hätte nie gedacht, dass er stirbt", sagt die 29-jährige Prostituierte über das Unglück, wegen dem sie sich am Montag vor einem Schöffensenat des Straflandesgerichts Wien (Vorsitz: Richterin Nina Steindl) zu verantworten hatte. Wegen eines tödlichen Sex-Unfalls legt ihr die Staatsanwaltschaft Wien das Verbrechen der absichtlich schweren Körperverletzung mit Todesfolge zur Last.

Mit einem Taschentuch wischt sich die nervöse Angeklagte während der Verhandlung immer wieder über die Stirn. Eine gute Stunde wird sie von Steindl über den Todesfall vernommen.

In Internetforen hatte die Angeklagte ihre Dienste als Domina angeboten. Im September 2015 äußerte ein Freier den Wunsch, eine bis zur Bewusstlosigkeit führende Atemkontrolle zu erleben. In einem Hotelzimmer befestigte er an einer Garderobenstange ein Kletterseil mit Schlinge. Er werde sich die Schlinge um den Hals geben und zuziehen, erklärte er ihr. Gleichzeitig solle sie von hinten ein Schuhband um seinen Hals legen und ebenfalls zudrücken, forderte er von der 29-Jährigen.

Die Angeklagte kam seinen Wünschen nach, drückte zu und befestigte das Schuhband am Hals. Mit rotem Gesicht und zuckend sei der Freier in die Schlinge gefallen, so die 29-Jährige. Sie verließ - wie mit dem Freier abgemacht - das Hotelzimmer. Dabei soll der Fußrist des Mannes noch leicht am Boden gestreift sein. Nach eineinhalb Stunden sei sie unruhig geworden: Der Freier habe sich entgegen ihrer Abmachung nicht gemeldet. Sie sei deshalb zurück zum Hotel gegangen, wo man ihr an der Rezeption nach Schilderung der Situation gesagt haben soll: "Wenn er tot ist, werden sie ihn eh morgen in der Früh finden." Erst bei der Polizei nahm man die 29-Jährige ernst: Das Hotelzimmer wurde geöffnet, die Leiche entdeckt.

Laut Gerichtsmediziner Christian Reiter soll der Mann an einer Hirnlähmung gestorben sein. Der Mann habe keine Chance gehabt, sich aus dieser Situation zu befreien, erklärt Reiter.

"Profi" bei Atemreduktionen


Der Freier habe ihr erzählt, dass er ein "Profi" bei Atemreduktionen sei. Sie selbst habe eine solche Technik vor dem Vorfall nie angewendet, erklärt die 29-Jährige. Um sich abzusichern und ihn auf die Gefährlichkeit seines Wunsches hinzuweisen, ließ die Frau ihn eine Vereinbarung unterschreiben. In dieser übernahm er "die volle Verantwortung für jedes Risiko und gesundheitliche Schäden". Eine Einwilligung in eine derartige Körperverletzung sei rechtlich gar nicht möglich, hält Richterin Steindl fest.

Anklagekonform verurteilt der Schöffensenat die Frau zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe. Sie wird unter Setzung einer Probezeit von drei Jahren bedingt nachgesehen. Eigentlich liegt der Strafrahmen für eine absichtlich schwere Körperverletzung mit Todesfolge - im konkreten Fall wird wegen des Vorfallszeitpunkts noch die alte Rechtslage angewendet - bei fünf bis zehn Jahren.

Aufgrund des Überwiegens der Milderungsgründe und der günstigen Prognose erkennt der Senat aber auf eine außerordentliche Strafmilderung. Erleichtert wirkend und nach Rücksprache mit ihrem Verteidiger nimmt die 29-Jährige das Urteil an. Die Staatsanwaltschaft gibt keine Erklärung ab. Das Urteil ist damit noch nicht rechtskräftig.