Harry Glück wurde von Kollegen oft erst spät als Pionier erkannt.
Harry Glück wurde von Kollegen oft erst spät als Pionier erkannt.

Wien. "Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl!" Dieser Slogan der englischen Sozialdemokraten im 19. Jahrhundert war der Leitspruch des 1925 in Wien geborenen und vor einer Woche im 92. Lebensjahr verstorbenen Architekten Harry Glück während seiner sechs Jahrzehnte dauernden Arbeit. Dementsprechend nannte er, stets außerhalb der lokalen Baukünstler-Szene stehend, die kommunalen Wohnhöfe des Roten Wien der 20er und 30er Jahre als maßgebliches Vorbild für seine Planungen. Folglich sah auch Glück die Großform als Schlüssel zur Lösung der Wohnungsfrage, zumal sie bei entsprechender Effizienz nicht nur leistbares Wohnen für viele, sondern auch eine reichhaltige Ausstattung mit sozialen, kulturellen und kommerziellen Einrichtungen sowie großzügige Grünräume erlaubt.

Während andere in den 60er und 70er Jahren unsägliche Wohnsatelliten an den Stadtrand stellten, erfand Harry Glück, der bis zuletzt plante und es vor allem in Ostösterreich, aber auch in Deutschland auf insgesamt 18.000 Wohnungen brachte, die Großsiedlung sozusagen neu. Dazu entwickelte er den Typus des Terrassenhauses zur Serienreife und setzte ihn ab den frühen 70er Jahren - allen voran im Wohnpark Alt Erlaa im Süden Wiens - mustergültig um. Durch große bepflanzbare Terrassen unter freiem Himmel vor jeder Wohnung schuf er gestapelte Reihenhausanlagen, die trotz hoher städtebaulicher Dichte in ihrer Wohnqualität dem Eigenheim mit Garten um nichts nachstehen. Sogar den Swimmingpool vor der Wohnungstür konnte er dabei realisieren - und zwar auf den Dächern seiner Häuser, mit Blick über die Stadt.

Bewohner bleiben
lieber zu Hause


Das große Wasserbecken am Dach ist aber nur einer von vielen Bausteinen, die aus Glücks Terrassenhäusern mehr als Wohnbauten, nämlich Lebensräume machen: Für die anfänglich 10.000 Bewohner von Alt Erlaa schuf der Architekt neben sieben Dachschwimmbädern ebenso viele Hallenschwimmbäder, mehrere Saunen und Solarien, Dampfkammern und Fitness-Center sowie acht Kinderspielräume. Zudem wurden an die 30 Räume an Vereine aus dem Wohnpark übergeben, die sie für ihre Zwecke gestalteten und verwenden. Die Palette reicht von Tischtennis, Schießsport, Jiu Jitsu und Gymnastik über Tanzsport und Theater bis hin zu Schach, Bridge und Philatelie, Keramik, Handarbeit und Modellbau. Wohlgemerkt entstand dies alles im Kostenrahmen des geförderten Wohnbaus, was durch Einsparungen in der Konstruktionsweise der bis ins Letzte effizient geplanten Häuser gelang.

Damit erzeugte Harry Glück ein für Großsiedlungen völlig untypisches Gemeinschaftsleben, das selbst in noch funktionierenden Landgemeinden seinesgleichen sucht. Gepaart mit den weitläufigen Grünflächen, bietet der Wohnpark damit eine Aufenthaltsqualität, die den Freizeitverkehr der Bewohner auf ein Minimum beschränkt. Laut Studien bleiben die Alt Erlaaer am Wochenende lieber daheim, als ins Auto zu steigen und zu einem Zweitwohnsitz im Grünen zu fahren. Ähnlich verhält es sich mit Fahrten zum Supermarkt, in die Schule oder zum Arzt - auch sie sind in Alt Erlaa überflüssig.

Ähnlich den großen Wohnhöfen des Roten Wien verfügt der Wohnpark über eine reichhaltige soziale und kommerzielle Ausstattung: eine Kirche, Kindergärten, Schulen, einen Jugendclub, zwei große Sporthallen und als Zentrum der Anlage den sogenannten Kaufpark mit 45 Händlern und Dienstleister, einem Dutzend Gastronomen, einem Ärztezentrum sowie einer städtischen Bücherei - alle fußläufig und barrierefrei erreichbar. Es verwundert nicht, dass Harry Glücks von der Kollegenschaft lange Zeit angefeindeten Terrassenhaussiedlungen laut Studien die höchsten Wohnzufriedenheitswerte in Wiens gefördertem Wohnbau zeigen, während andernorts Großsiedlungen aus den 70er Jahren inzwischen schon wieder abgerissen wurden.

"Ich muss gestehen, ich bin selbst erst später draufgekommen, dass Glück im Wohnbau wirklich Pionierarbeit geleistet hat", würdigt heute auch der Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner den früher oft Kritisierten. "Glück hat gezeigt, dass man Wohnbau nicht nur mit Architektur erledigen kann. Da spielen noch viele andere Elemente eine Rolle. Was er vorgelegt hat, ist im Grunde ein urbanes Konzept." Harry Glücks explizites Ziel war es nicht nur, "Luxus für alle" zu schaffen, sondern auch eine probate Alternative zum oft sozial isolierten und viel Boden vergeudenden Wohnen im Speckgürtel samt dem damit verbundenen Verkehr zu bieten.

Glücks Architektur orientiert sich an Bewohner-Bedürfnissen


Keineswegs beschränkte er sich dabei auf Großwohnanalgen. Weniger bekannt ist, dass Glück auch zahlreiche kleinmaßstäbliche Wohnbauten in den Cottage-Vierteln am Westrand Wiens geplant hat - und zwar nach denselben Prinzipien eines sozialen, kommunikativen und freiraumbezogenen Wohnens.

Zudem war er einer der wenigen heimischen Architekten, die konsequent autoverkehrsfreie Siedlungen im verdichteten Flachbau schufen - die wohl attraktivste und ressourcenschonendste Alternative zum freistehenden Einfamilienhaus in suburbanen Lagen. Auch diese Siedlungsform wertete Glück, unüblich für die Typologie, durch Schwimmbäder, Saunen, Sportplätze, Clubhäuser und andere Angebote für gemeinschaftliche Aktivitäten auf. Mit dieser Bandbreite an unterschiedlichen, von den Nutzern auffallend geschätzten Bauten zeigte er, dass nicht Größe, Höhe, Struktur oder Form einer Anlage über ein zufriedenstellendes Wohnen entscheiden, sondern die dezidierte Orientierung der Architektur an den Bedürfnissen der Menschen.