Denn im Diskurs um Vergewaltigung habe der Begriff Ehre immer eine zentrale Rolle gespielt. "Das englische Wort für Vergewaltigung - also ‚rape‘ - hat seinen Wortstamm im germanischen Raub‘", sagt Sanyal. "Der Frau wurde durch die Vergewaltigung die Ehre geraubt, und wenn sie vorher keine hatte, weil sie etwa Prostituierte war, konnte ihr die Ehre nicht mehr geraubt werden." Die Vergewaltigung war also keine. Noch heute wird Frauen in den Flirttipps der Illustrierten geraten, sich rar zu machen, sexuell nicht interessiert zu wirken.

Der Mann sei das sexuelle Wesen, das die Frau umwirbt und letztlich erobert. In dieser Logik wird ein "Nein" schnell zu einem "Ja" - wenn es der Mann nur lange genug versucht.

Denn seine Sexualität ist die aktive. "Ein veralteter Begriff für eine Vergewaltigung ist die Notzucht. Das Wort suggeriert, dass der vergewaltigende Mann eine Not stillt. Er kann nicht anders. Sein Trieb macht ihn zum Straftäter. Es steckt in ihm", sagt Sanyal.

Wie über Vergewaltigung gesprochen und berichtet wird, wirkt auf unser reales Leben. Die Berichterstattung verändert die Wirklichkeit. "Eine voyeuristische und reißerische Darstellung von Gewalttaten kann Frauen natürlich davon abhalten, eine Vergewaltigung anzuzeigen", sagt Birgit Wolf. Wolf arbeitet in der Gender- und Antigewaltforschung und ist Vorstandsmitglied des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. "Dabei leistet die explizite Schilderung der Tat nur dem Voyeurismus Vorschub. Nicht das individuelle Leiden sollte im Vordergrund stehen, sondern Zusammenhänge und Hintergründe von Gewalt als gesellschaftliches Problem. Das hilft dann den Einzelfall zu verstehen."

Auch das Bild des Täters sei völlig verzerrt. "Es entspricht nicht der Realität", sagt Wolf. Der Fokus der Berichterstattung liegt auf dem fremden Täter. "In Wirklichkeit kommt der Großteil der Täter sexualisierter Gewalt aus dem direkten Umfeld der Frauen. In 30 Prozent der Fälle sind es die Partner oder Ex-Partner, in 80 Prozent kennen die Opfer die Täter." Über diese Fälle wird jedoch kaum berichtet.

Geschürte Angst


"Man zeigt lieber den belästigenden Asylwerber. Die Omnipräsenz von sexuellen Übergriffen durch muslimischen Männer in den Zeitungen passt zum momentanen politischen Diskurs", sagt Wolf. "Dabei ist das Unsinn. 37 Prozent der sexuellen Belästigung finden am Arbeits- oder Ausbildungsplatz statt. Die Statistik beweist das." Die Vergewaltigung einer Studentin durch drei afghanische Asylwerber am Wiener Praterstern vor rund einem Jahr sei politisch instrumentalisiert worden. "Hier wird Angst geschürt. Die Kriminalitätsrate war 2015 rückläufig, allerdings gibt es durch die Gesetzesreform einen Anstieg an Anzeigen."

Doch die Medien scharren bereits in den Startlöchern. Was können sie als Nächstes ausschlachten? Denn nichts verkauft sich besser als die Kombination aus Sexualität und Gewalt.