Wien. Wer dieser Tage zu viel Geld auf der Seite hat und nicht so recht weiß, wohin mit dem Kapital, damit es süße Früchte trage, der sollte sein Augenmerk vielleicht auf die Logistik-Branche richten. Mit satten Zuwachsraten von 25 Prozent jedes Jahr profitieren die Paketdienste gewaltig von blühendem Onlinehandel.

Laut Wirtschaftsmagazin "Trend" gehen Analysten für diese Branche von zumindest zweistelligen Kursanstiegen aus. Eine Studie der deutschen Post spricht sogar vom "Gewürzhandel des 21. Jahrhunderts" und schätzt das weltweite Umsatzvolumen bis 2020 auf 940 Milliarden Euro - zum Vergleich: Das ist knapp drei mal mehr als das österreichische Bruttoinlandsprodukt. Logistikunternehmen haben mit vergrößerten Fuhrparks und dem Bau riesiger Verteilzentren an den Stadträndern auf die gesteigerte Nachfrage reagiert. Von dort aus machen sich täglich die Kolonnen an Lieferwagen auf den Weg.

Alte Strukturen sind nicht mehr zeitgemäß

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Österreich stieg das Transportaufkommen laut Straßengüterverkehrsstatistik innerhalb eines Jahrzehnts von 345 Millionen Tonnen im Jahr 2003 auf 428 Millionen Tonnen im Jahr 2012. Unterwegs sind diese Güter in immer mehr Lkw und Kleintransportern, die sich durch unsere Straßen mühen. Allein in Wien waren im Jahr 2016 laut Statistik Austria 60.342 Klein-Lkw bis 3,5 Tonnen zugelassen - 56.032 davon übrigens mit steuerlich begünstigtem Dieselmotor.

Mittlerweile zeigen sich - gerade in den Ballungsräumen - die Schattenseiten des Trends: Zum einen sorgt das Verkehrsaufkommen für deutlich erhöhte Abgas-, CO2- und Feinstaubbelastungen. Im vergangenen Winter erreichte die Luftverschmutzung in Wien und Graz neue Spitzenwerte jenseits der gesetzlichen Grenzwerte - die "Wiener Zeitung" hat berichtet. Zum anderen kommen die Lkw im täglichen Stau der Innenstädte immer schlechter voran. Sie finden schwer einen Parkplatz und blockieren häufig Fahrspuren, Fuß- oder Radwege.

Komplikationen ergeben sich auch für Kundinnen und Kunden: Liefertermine können nicht detailliert bekanntgegeben werden oder platzen. Was eigentlich Hauszustellung sein sollte, heißt in der Praxis für die Kunden häufig: Selbst abholen bei einem "Partner-Betrieb" des Logistik-Unternehmens drei Gassen weiter und heimschleppen.

Transportfahrräder als kostengünstige Lösung

Um diesen Nachteilen zu begegnen, aber auch um die Kosten für die Zustellungen zu senken, setzen große Logistikunternehmen Hoffnung auf einen neuen Ansatz: die Kombination von Mikrodepots mit - oft elektrifizierten - Lastenrädern. Dabei werden die Waren mit dem Lkw von den großen Logistikzentren am Stadtrand in kleine dezentrale Verteilzentren in den Grätzeln gebracht. Von dort bringen sie Kuriere mit Lastenrädern oder E-Lastenrädern zur Kundschaft.

"Fast alle großen Logistiker experimentieren damit", erklärt Johannes Reichel, Fachjournalist beim deutschen Branchenmagazin "Logistra": "Gerade auf dem letzten Kilometer sind Lastenräder den Lieferwägen durch ihre Wendigkeit und Flexibilität überlegen."

War die hierzulande in Vergessenheit geratene Technologie der Transporträder lange bloß noch Teil der Fahrrad-Subkultur oder bevorzugtes Verkehrsmittel umweltbewusster Eltern, holen große internationale Paketdienste aus ökonomischen Überlegungen die Lastenräder aus der Öko-Ecke.

DHL Express zum Beispiel, der Expressdienst der deutschen Post, hat soeben ein neues City-Hub-Konzept für den Einsatz von vierrädrigen E-Lastenfahrrädern mit Containerboxen in Innenstädten gestartet. Das Pilotprojekt wird zeitgleich in Frankfurt und in Utrecht gelauncht und soll - wie das Fachmagazin "Logistra" berichtet - in weiteren deutschen und europäischen Städten angeboten werden. Auf einem Anhänger, der an einen zentralen gesicherten Stützpunkt gebracht werde, lassen sich bis zu vier Behälter mit Express-Sendungen lagern. Die Fahrradkuriere holen jeweils einen Container mit ihrem "Cubicycle" ab und bringen die Briefe und Pakete zu den Kunden.

100 Cargo-Bikes von DHL
in 13 Ländern unterwegs

Wie DHL auf Anfrage der "Wiener Zeitung" mitteilt, hat das Unternehmen in dreizehn europäischen Ländern mehr als 100 Cargo-Bikes im Einsatz. Darunter Griechenland, Großbritannien, Italien, und Spanien. In den Niederlanden seien bereits auf 60 Prozent der innerstädtischen Zustellrouten Transporträder unterwegs. "Cargobikes bringen uns für Zustellung auf der letzten Meile viele verschiedene Vorteile", heißt es in der schriftlichen Beantwortung der Anfrage: "Etwa die Möglichkeit, Staus zu umzufahren, eine Reduzierung von Feinstaube- und CO2-Emissionen, und auch eine effiziente Kostenbasis durch höhere Produktivität im Vergleich zu herkömmlichen Fahrzeugen."

Der US-amerikanische Zustelldienst United Parcel Service (UPS) startete in Hamburger bereits 2012 ein Pilotprojekt mit Lasten-Pedelecs und Mikrodepots, das nun auch in der in der US-Stadt Portland übernommen werden soll.