Wien. Als Kind erlebte Alfred Grasel den Einmarsch Adolf Hitlers in Wien hautnah mit. Das Nazi-Regime verbrachte er in Wiener Kinderheimen sowie im Jugendkonzentrationslager Moringen in Niedersachsen. Nichtsdestotrotz verlor er nie seinen Lebensmut. Mit 87 war er der älteste Unternehmensgründer Österreich. Elisabeth T. Spira widmete ihm den Film "Alfred Grasel - als Kind durch die Hölle". Am 20. Februar 2017 verstarb der Zeitzeuge im Alter von 90 Jahren in Wien. Am Freitag wird er auf dem Friedhof Eßling beigesetzt. Vor drei Jahren blickte Alfred Grasel in einem bisher unveröffentlichten Gespräch mit der "Wiener Zeitung" auf sein Leben zurück.

"Wiener Zeitung":Im Jahr 1938, als Hitlers Truppen in Wien einmarschiert sind, waren Sie 12 Jahre alt. Wie haben Sie die damaligen Ereignisse miterlebt?

Alfred Grasel: Ich erinnere mich noch gut, als Hitler mit seinen Soldaten in Wien über die Mariahilfer Straße einmarschiert ist. Es waren tausende Leute auf den Straßen, und ich bin ganz vorne gestanden. Ich hätte ihm fast die Hand geben können. Für mich war das ein großes Ereignis, da so viele Autos wie nie zuvor in Wien gefahren sind. In den 1930er Jahren war das ja noch etwas Besonderes. Welches Gedankengut hinter dieser Person steckte, war mir damals nicht bewusst. Ich habe mir nur gedacht: Bei diesem Mann wird es uns gut gehen.

Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass sich die Stimmung gegen alles Jüdische richtet?

Ich habe das eigentlich gar nicht so mitbekommen. Meine Mutter war zwar Halbjüdin, ich bin aber katholisch aufgewachsen. Auch mein Vater, der Journalist und Zeitungsherausgeber war, war Katholik. Ich glaube, deswegen bin ich in den Pflegeheimen und selbst im KZ gar nicht so schlecht behandelt worden. Allerdings hat mich meine Pflegemutter aus Angst, sie würde wegen der Betreuung eines jüdischen Kindes eingesperrt werden, ebenfalls weggegeben. Und das, obwohl sie 30 Schilling Pflegegeld für mich bekommen hat. Das entsprach in der damaligen Zeit dem Wochenlohn eines Arbeiters. Sie hat angegeben, ich hätte sie bestohlen, was ein Vorwand war. Für mich war das ein harter Schlag, denn ich habe bei ihr sechs Jahre in Freiheit verbracht. Danach ging es zurück in die Heime. An einige Heimplätze kann ich mich gar nicht erinnern. Ich habe erst durch die Unterlagen der Stadt Wien erfahren, dass ich dort untergebracht war.

Eine Ihrer Stationen war auch die gefürchtete Euthanasieanstalt "Am Spiegelgrund" mit rund 800 Jugendlichen.

Am Spiegelgrund war ich von Oktober 1941 bis Juli 1942 untergebracht. Nachdem ich die ersten Tage eingesperrt war, habe ich später den ganzen Tag mit einem Zug Essen ausgeführt. Teilweise musste ich auch in Blechkisten die toten Kinder wegführen. Das war für mich völlig normal, ich wusste ja nicht, woran die Kinder gestorben sind. Mit dem Tod habe ich mich damals nicht beschäftigt und ich hatte auch keine Angst davor. Das ist übrigens heute noch so. Mit meinen 15 Jahren war ich einer der ältesten Jugendlichen am Spiegelgrund. Man war dort alles, nur kein Mensch, weshalb ich auch zwei Fluchtversuche unternommen habe. Einmal bin ich mit einem anderen Jugendlichen über die Mauer in den Prater geflüchtet. An meinen zweiten Fluchtversuch kann ich mich gar nicht mehr erinnern, auch davon habe ich erst wieder aus meinen Originalunterlagen erfahren.

Warum hat man Sie in das Jugendkonzentrationslager Moringen deportiert?

Weil ich zu nichts getaugt habe und man bei meinen Lehrstellen mit mir nichts anfangen konnte, hat es eines Tages geheißen: "Der Bua gehört ins KZ." Zuerst hat man mich wochenlang in der Roßauer Lände eingesperrt, dann kam ich ins Gefangenenhaus nach Berlin und von dort ging es mit dem Zug weiter nach Moringen.

Wie war dort Ihr Alltag?

Es hat viele Strafen gegeben. Ich wurde oftmals zum Kartoffel Sortieren abkommandiert. An einem Novembertag habe ich ein paar Erdäpfel in meinem Hemd versteckt und in meiner Baracke auf einem Ofen gebraten. Als ein SS-Mann bei seinem Rundgang draufgekommen ist, habe ich als Strafe 15 Stockschläge auf den nackten Hintern bekommen. Ich habe tagelang weder schlafen noch sitzen können. Großteils habe ich während meiner Zeit im KZ in einer nahegelegenen Munitionsanstalt in einem Salzbergwerk gearbeitet. Wir hatten den Vorteil, dass unsere Arbeitskleidung immer voll mit Salz war, weshalb wir täglich gebadet wurden und deshalb im Vergleich zu den anderen Zöglingen auch ständig sauber waren.

Wie ist es zu Ihrem Unfall kurz vor Kriegsende gekommen, der Ihnen fast das Leben gekostet hätte?

Ich war bei einer Lok als Koppler eingeteilt und musste die Munition auf- bzw. abladen. Am Abend mussten wir die Maschinen putzen. Als ich an der Wand gestanden bin, ist ein SS-Mann plötzlich mit der Lok zurückgefahren und hat mich an die Wand gepresst. Danach hat er sofort die Rettung gerufen und angegeben, ich hätte mich selbst verstümmeln wollen, da ich nicht mehr arbeiten wollte. Man wollte mich mit meiner Verletzung in die Universitätsklinik nach Göttingen bringen, aber Gott sei Dank ist der Transport aufgrund eines Schneesturmes nicht durchgekommen. Dort hätte man mir eine Euthanasie verabreicht. So hat mir der behandelnde Arzt jeden Tag mit dem Skalpell das Fleisch weggeschnitten, und das monatelang. Ich hatte solche Schmerzen, dass ich den Arzt gebeten habe, er möge mir den Fuß amputieren. Aber der Arzt hat es immer wieder versucht, das rechne ich ihm trotz seiner Parteimitgliedschaft zur NSDAP hoch an. Er war Arzt vom Scheitel bis zur Sohle und hat auch, wie ich später erfahren habe, schon vor Kriegsbeginn zahlreichen Juden zur Flucht verholfen. Wären dieser Arzt und der Schneesturm nicht gewesen, wäre ich heute nicht mehr am Leben.