Sie haben erst vor rund 20 Jahren Ihrer Familie diese Erlebnisse offenbart. Warum so spät?

Was wäre denn die Konsequenz gewesen: Alle hätten mich gefragt, was passiert ist. Ich hatte nach dem Kriegsende einen schweren Beruf und dazu Probleme über Probleme, keine Wohnung und viele Schulden. Ich war einfach nicht neugierig darauf, dass ich in die Vergangenheit zurückblicke. Irgendwann bin ich aber zu dem Entschluss gekommen, dass es doch wichtig ist, diese Ereignisse für die Nachwelt festzuhalten, weshalb ich auch heute nach wie vor als Zeitzeuge zur Verfügung stehe. Als ich wie andere Überlebende des Spiegelgrunds das goldene Verdienstzeichen der Stadt Wien bekommen habe, war ich gezwungen, meinen Kindern und Enkelkindern die Wahrheit zu erzählen. Meine verstorbene Frau wusste jedoch bis zu ihrem Tod von alldem nichts.

Wie sehen Sie die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in Österreich und in Wien? Besteht die Gefahr, dass sich ein derart dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte wiederholen könnte?

Ich glaube, dass die Europäische Union heute so groß und mächtig geworden ist, dass sich derartige Ereignisse nicht mehr wiederholen können. In kleineren Ländern außerhalb Europas wie beispielsweise in Afrika sehe ich jedoch sehr wohl die Gefahr, dass diese Zeit wiederkommen könnte.