Wien. Die Psychotherapeutin Barbara Preitler hat das Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende Hemayat in Wien mitaufgebaut. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihr, wie Freiwillige traumatisierte Menschen idealerweise begleiten können.

"Wiener Zeitung":Menschen, die nach Österreich flüchten konnten, sind oftmals traumatisiert. Wie kann sich diese Traumatisierung äußern?

Barbara Preitler: Trauma heißt nichts anderes als Verletzung. Hier handelt es sich um seelisch, psychisch verletzte Menschen. Es ist ständig präsent, was passiert ist. Betroffene treten den sozialen Rückzug an. Es kann auch sein, dass man sich sehr nervös fühlt, leicht zu Panik neigt, grübelt, massive Schlafstörungen hat. Viele klagen über Albträume.

Sind alle Geflüchteten traumatisiert - oder nur ein Teil von ihnen?

Trauma heißt Verletzung - verletzt sind alle, alle waren verletzenden Situationen ausgesetzt. Aber nicht alle brauchen externe Hilfe, um damit zurande zu kommen. Manchmal reichen die Selbstheilungskräfte oder eine heilende Umgebung, dass es nicht zu langfristigen Folgen kommt. Was wir aber jetzt sehen, ist, dass die Fluchtwege viel gefährlicher geworden sind. In den Therapien müssen wir immer öfter auch über diese schreckliche Überfahrt übers Meer reden, weil die Betroffenen fast selber ertrunken sind, weil sie gesehen haben, wie andere ertrunken sind, vielleicht sogar die Liebsten.

Wenn Sie sagen jetzt - welchen Zeitraum meinen Sie?

Seit 2015, seitdem die große Fluchtbewegung nach Europa eingesetzt hat.

Viele Freiwillige begleiten nun eben seit 2015 Geflüchtete. Sie sind aber keine Psychotherapeuten. Wie können sie dennoch unterstützen?

Eines meiner Credos ist: Ich glaube, dass Menschen, die durch andere Menschen so Schlimmes erlebt haben, vor allem eines brauchen - viele sichere Begegnungen mit Personen, die es gut mit ihnen meinen. Und noch besser als Begegnungen sind richtige Beziehungen.

Freiwillige sollten also darauf achten, die eingegangene Beziehung zu Geflüchteten stabil zu halten?

Ja, bitte gut auf die Grenzen achten. Das ist etwas, was im Rückblick möglicherweise am meisten schief gelaufen ist in diesen Monaten der Willkommenskultur - die super ist, gar keine Frage. Aber sehr oft haben Ehrenamtliche gemeint, weil so viel Leid da ist, muss ich ständig über meine Grenzen gehen, bis ich es nicht mehr aushalte. Da ist es viel besser, zu überlegen, wie kann ich eine Beziehung gestalten, sodass ich es auch langfristig aushalten kann. Ich rate, klar zu sein in dem, was man anbietet und keine falschen Versprechungen zu machen.

Wie sollte man damit umgehen, wenn einem als Freiwilliger die zu Freunden gewordenen Flüchtlinge schlimme Erlebnisse anvertrauen?

Es ist gut, wenn man es schafft, zuzuhören. Vielleicht hält man es eh gut aus, vielleicht belastet es sehr. Gut ist, empathisch zu sein. Wenn es passiert, dass man mitweinen muss, ist es sicher nicht der Kardinalsfehler, aber dann bitte verbal versichern, dass man traurig ist, dass dem Menschen, den man gern hat, so etwas passiert ist, aber dass man deshalb nicht zusammenbricht. Viele, die Schlimmes erlebt haben, haben die Angst, dass sie verletzen, wenn sie es nur erzählen. Was gar nicht geht, ist Zynismus. Und es ist besser zu sagen, "ich weiß jetzt gar nicht, was ich sagen soll", als dass man sich in Allgemeinplätze flüchtet.

Im Interview, das schließlich entscheidet, ob Geflüchtete Asyl oder subsidiären Schutz zugesprochen bekommen oder nicht, muss das Erlebte in der Heimat möglichst eindringlich dargestellt werden. Wie wird diese Situation von Traumatisierten verkraftet?

Für viele ist es ersehnt und trotzdem die ganz große Stresssituation. Zum einen ist es sehr schwierig, in sich logisch etwas erzählen zu müssen, wo jede Logik verloren geht, wenn ein Dorf bombardiert wird, wenn ich gefoltert werde. Das ist natürlich sehr belastend und schwierig für traumatisierte Menschen. Ich verstehe schon, dass die Asylbehörde das wissen muss. Ich habe da also keine Lösung, wie man das verhindern könnte. Was man aber tun kann, ist gut begleiten, Rechtsberatung in Anspruch nehmen, klarmachen, wenn eine Entscheidung kommt, was heißt das, welche weiteren Optionen sind dann offen.

Vor allem viele Afghanen hängen im Asylverfahren seit mehr als eineinhalb Jahren in der Warteschleife. Freiwillige sind mit psychischen Durchhängern konfrontiert, mit Zuständen, zu der auch ein Laie Depression sagen würde. Was machen die langen Verfahren mit den Geflüchteten - und wie kann man hier helfen?

Hans Keilson hat in seinem Konzept der sequenziellen Traumatisierung schon gezeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen, die so traumatische Sequenzen erleben, danach möglichst rasch viel Sicherheit erlangen müssen. In diesem Sinn wäre es wichtig, dass die Menschen möglichst rasch möglichst viel Sicherheit spüren, also am besten erklären, wie das Asylverfahren läuft, dass man gegen einen negativen Bescheid berufen kann, dass es keine Alles-oder-nichts-Entscheidung ist, dass sie aber vor allem nicht alleine sind und jemanden haben, der ihnen in diesem Verfahren zur Seite steht.