Wien. (rös) Während der Global Entrepreneurship Monitor (GEM), die weltweit größte Vergleichsstudie zum Unternehmertum, der österreichischen Unternehmenslandschaft ein positives Zeugnis ausstellt, fallen für Wien die Ergebnisse ernüchternd aus: Das hohe unternehmerische Potenzial werde nicht ausgeschöpft, der Anteil der neugegründeten Unternehmen schrumpfe und die Einstellung zum Unternehmertum werde pessimistischer, heißt es.

Die der Wirtschaftskammer nahe stehenden Junge Wirtschaft Wien (JWW) sieht darin einen Auftrag an die Politik, Unternehmen zu entlasten und Gründergeist zu fördern. Noch könne Wien hierzulande die meisten Firmengründungen für sich verbuchen. "Werden die Rahmenbedingungen für Unternehmen aber nicht rasch gebessert, wird sich das bald ändern", sagt Jürgen Tarbauer, JWW-Vorsitzender.

Weniger Jungunternehmer


Laut GEM gibt es in Wien gemessen an der Bevölkerungszahl mit 7,5 Prozent zwar einen hohen Anteil an Vorgründern (Personen, die unternehmerisch aktiv sind), aber noch vor der Gründung stehen. Jedoch sei der Anteil der tatsächlichen Gründer von 3,1 Prozent im Jahr 2014 auf nunmehr 2,5 Prozent geschrumpft. Auch der Anteil der innovativen Unternehmen sei mit 34,1 Prozent unter den österreichischen Durchschnitt von 35 Prozent gerutscht.

"Zwar ist Wien mit 8983 Neugründungen im Jahr 2016 nach wie vor Österreichs Gründerland Nummer 1, der relative Anteil der Jungunternehmer an der Bevölkerung hat in den letzten Jahren aber kontinuierlich abgenommen", kritisiert Tarbauer.

Die Studie zeige weiters, dass alle Österreicher eine zunehmend pessimistische Einstellung zum Unternehmertum haben. Viele würden ihre unternehmerischen Fähigkeiten in Frage stellen. Außerdem sei die Angst vorm Scheitern im Vergleich zu anderen Ländern hoch - ähnlich wie in Griechenland oder Zypern. Die Ursache dafür sieht Tarbauer in der Ausbildungssituation; immerhin liege Österreich im Bereich der unternehmerischen Ausbildung EU-weit auf dem letzten Platz.

Auf jeden Fall müsse man gegen die Stigmatisierung des unternehmerischen Scheiterns ankämpfen, fordert Tarbauer. Die im Zuge der Studie befragten Experten schlagen etwa eine bessere Vermittlung der gesellschaftlichen Rolle des Unternehmertums bereits in frühen Schuljahren vor. Dafür müsse laut Tarbauer die Politik Rahmenbedingungen schaffen. Als Beispiel nennt er etwa die Senkung der Abgabenlast und eine Entbürokratisierung, um so das Gründen zu erleichtern.

Stadt spielt Ball zurück


Im Büro von Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner verweist man auf die 8983 Neugründungen und das höchste Wirtschaftswachstum in Wien seit 9 Jahren (1,7 Prozent). Und was die Forderung nach Entbürokratisierung betrifft, auf die gerade im Nationalrat diskutierte Gewerbeordnungsreform, die vor allem von der Wirtschaftskammer selbst gebremst werde. In Wien gebe es bereits seit Ende 2014 Zentren für Betriebsanlagegenehmigungen, die unternehmerfreundlich als One-Stop-Shop fungieren würden. Und auch im Zuge der laufenden Verwaltungsreform werde Entbürokratisierung ständig weiter vorangetrieben.

Zustimmung gibt es in Sachen Selbsteinschätzung und Angst vorm Scheitern: "Das ist denke ich ein gemeinsamer Auftrag - auch an die bestehenden Beratungsangebote - nicht zuletzt an jene der Wirtschaftskammer selbst", so ein Sprecher.