Wien. Der Besen. Damit hat Rabie Peric-Jasars Mutter immer gedroht. Er gehörte zum Horrorszenario, das sie beschworen hat, wenn ihre Kinder nicht gehorcht haben: "Wenn du nicht lernst, wirst du Putzfrau. So wie ich." Bis zu ihrer Pension hat sie Büros in Skopje geputzt. Sie, die Analphabetin, deren Vater sie nicht zur Schule schicken wollte. Sie, die Roma-Frau, die prompt zur Direktorin marschierte, wenn eines ihrer fünf Kinder von der Lehrerin diskriminiert wurde. Sie, die Mutter, die ihre Tochter durch das Sportgymnasium drillte, damit sie sich nicht eines Tages durch das Leben anderer kehren muss.

Rabie Peric-Jasar lächelt. Ausgerechnet als Putzfrau macht die 58-Jährige nun Karriere. Und zwar auf der großen Leinwand. In Arman T. Riahis Spielfilmdebüt "Die Migrantigen" rund um zwei Wiener, die für eine TV-Serie "echte Ausländer" mimen sollen, spielt sie das Migrantenklischee schlechthin.

Als Putzfrau Romana unterstützt sie die zwei Protagonisten bei ihrer Mission. Mal serviert sie dem leichtgläubigen Fernsehteam als misshandelte Alibi-Mutter Kaffee, mal moppt sie den zwei Möchtegerngangstern als Komplizin den Weg frei.

Sichtbar und laut kehrt sich Putzfrau Romana in den Vordergrund. - © Golden Girls Filmproduktion
Sichtbar und laut kehrt sich Putzfrau Romana in den Vordergrund. - © Golden Girls Filmproduktion

Improvisiert habe sie dabei, erzählt Peric-Jasar. Ihre Nervosität war nicht gespielt, sagt sie. Das wilde Fuchteln mit den Armen, die aufgerissenen Augen, die bockige Art, wie sie die Medienschnösel im gebrochenen Deutsch zur Räson ruft, wenn sie ihr nicht den Respekt zollen, der ihr zusteht, als sie mit dem Staubsauger den Arbeitsrhythmus der ach so wichtigen Medienleute zu stören wagt.

Kein anbiederndes Solidaritätspathos

Eigensinnig ist diese Romana und laut. Und sie ist sichtbar. Alles, was eine Putzfrau nicht sein darf. Weder im wahren noch im fiktiven Leben. In beiden Welten ist sie nur auf eine Rolle gebucht, und zwar jene der verschwommenen stummen Hintergrundkomparsin, die nur putzen, putzen tut. "Wir sind immer die Frauen, die nicht stören dürfen. Wir müssen die Arbeit machen, aber am besten unsichtbar", kritisiert Peric-Jasar.

Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer Wohnung im 20. Bezirk und faltet die Hosen und T-Shirts, die sie ihrem Enkel am Vormittag gekauft hat. Es ermüdet sie. Denn es ist Ramadan und die gläubige Muslimin fastet. Es fällt ihr schwer. Auch der Dreh im Vorjahr, fiel in die Fastenzeit. "Das war schon anstrengend", sagt sie und seufzt. Aber sie hielt durch. Ihr Typ war schließlich gefragt.

"Ich wollte zeigen, wer wir sind. Und dass man auch unsere Arbeit respektieren muss und nicht immer nur wir Putzfrauen die Arbeit der anderen", sagt sie.

Wenn sie von "Wir" spricht, ist es kein anbiederndes Solidaritätspathos. Rabie Peric-Jasar hat selbst als Putzfrau gearbeitet, als sie vor 20 Jahren mit ihrem ersten Mann, einem Musiker, von Skopje nach Wien gezogen ist. "Das hat wehgetan", sagt sie heute. Sie, die stolze Frau, die Pädagogik studiert hatte und als diplomierte Kindergärtnerin von Kollegen und Direktoren in ihrer Heimat respektiert wurde, musste sich hier in Wien von einer Hauptschülerin als "Zigeunerin" beim Putzen herumkommandieren lassen. "Sie konnte nur Deutsch, aber hatte sonst keine Ausbildung", erzählt Peric-Jasar. Sie schüttelt den Kopf. Bis heute verzeiht sie ihrer einstigen Chefin nicht das respektlose Verhalten.

Respekt. Dieses Wort wiederholt Peric-Jasar oft. Heute würden sie alle respektieren. Ihre Kollegen und Vorgesetzten in den zwei Schulen im 15. Bezirk, wo sie seit 17 Jahren als Muttersprachenlehrerin Serbokroatisch, Mazedonisch und Romanes unterrichtet. Ihre Mitstreiter im Roma-Verein Romano-Centro, wo sie als Obfrau tätig ist. Und natürlich das Team vom Dreh. So viel Respekt hat ihr der Regisseur entgegengebracht. Und der Produzent. Und sogar ihr Kollege, Josef Hader, mit dem sie gemeinsam gegessen hat. Alle haben sie so geschätzt, wiederholt sie immer wieder. "Ich verstehe das gar nicht", sagt sie.

Nie hätte sie gedacht, dass sie es auf die Leinwand schafft. Ihren bisherigen Erfolg als Laiendarstellerin hat sie dem Zufall zu verdanken. Bei einer Theatervorstellung in ihrer Schule wurde eine Regieassistentin auf die ruppige Lehrerin aufmerksam. Prompt wurde sie als Großmutter für den Kinderfilm "Das Pferd auf dem Balkon" gecastet. Vor einem Jahr durfte sie dann in Josef Haders "Wilde Maus" mitspielen. Auch hier in der Rolle der Putzfrau. Am Set lernte sie Aleksandar Petrovic kennen, der neben Faris Rahoma, die Hauptrolle in den "Migrantigen" spielt. Bekniet habe sie der junge Mann, doch die Rolle der Putzfrau Romana zu übernehmen. Peric-Jasar fühlte sich geschmeichelt und sagte zu.

Beständig durch die Kleinkariertheit

Sie ist die einzige Migrantin in den "Migrantigen". Die anderen Frauenrollen wurden mit autochthonen Österreicherinnen besetzt. Peric-Jasar weiß um diesen Status. Das ultimative Stereotyp war einer Migrantin vorbehalten. Und das wusste sie zu brechen.

In einer Szene putzt sie in einem ORF-Schnittraum. Beständig wischt sie mit ihrem Staubwedel durch die Kleinkariertheit und provinziellen Standesdünkel der anwesenden Cutter. So lange, bis sie kapitulieren und auf Kaffeepause gehen. Das Feld ist damit geräumt für die zwei Protagonisten. Nun können sie ihre Mission erfüllen. Und Putzfrau Romana schaut ihnen lächelnd über die Schulter. Mit dem Blick fest in die Kamera. Wenn auch nur wenige Sekunden. Die Botschaft ist angekommen: Die verschwommene Hintergrundkomparsin hat sich erfolgreich in den Vordergrund gemoppt.