Nach wie vor wirken ähnliche Zuschreibungen, ist sich Andrea Härle, Geschäftsführerin des Roma-Vereins "Romano Centro", sicher. Die genannten Beispiele von Hassbotschaften auf den Wänden Wiens zeigen, dass Diskriminierungen aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe auch heute noch Wirkung haben. Oft wird der "Rasse"-Begriff mit jenem der Kultur ersetzt, um Differenz zu erzeugen: "Geht es um Roma und Sinti, wird häufig immer noch exotisiert oder kulturalisiert. Das heißt, alle möglichen sozialen und vor allem ökonomischen Probleme werden durch die Kultur erklärt", beschreibt Härle ihre Beobachtungen.

Wie oft diese rassistischen Diskurse auf den Wänden Wiens zu finden sind, kann nicht beziffert werden. Klar sei jedoch, dass seit etwa einem Jahr gehäuft rassistische Schmierereien zu beobachten sind - auch jene, die sich gegen Roma und Sinti wenden. Der Schriftzug "Roma Rauss" zum Beispiel findet sich seit dem Wahlkampf zum Bundespräsidenten immer wieder in Wien. Immer mit Doppel S. Immer ein ähnliches Schriftbild. Regional vor allem rund um die Mariahilfer Straße. Auch auf dem Bauzaun, der nun mit Schmiedts Ausstellung bespielt wird, war davor noch "Roma Rauss" zu lesen - eine Anlehnung an die Nazi-Truppe.

Kollektives Gedächtnis im öffentlichen Raum

Die Ausstellung gerade an diesem Ort einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, war daher eine bewusste Entscheidung - die Motivation klar: Aufzeigen, wie rassistische Mechanismen funktionieren, statt rassistische Diskursproduktion unkommentiert stehen zu lassen. Nicht zuletzt auch ein Umdeuten der Erinnerungskultur. Gerade im öffentlichen Raum.

Auch hierzu hängt ein passendes Beispiel am Bauzaun auf der Mariahilfer Straße: "Historisches Gedächtnis als Medium kollektiver Selbsttäuschung, sozusagen als institutionalisierte falsche Erinnerung", so liest sich die Kritik Marika Schmiedts auf einem der Plakate. Auf der rechten Seite ist das Porträt von Albert Geßmann zu sehen und seine allgemein bekannte Biographie zu lesen: Bibliotheksbeamter und Politiker. Früher politischer Verbündeter Luegers. Seele der Christlichsozialen Partei. Links daneben ein von ihm publizierter Artikel: "Allgemein bekannt dürfte es sein, daß Bettler, Gauner, Zigeuner usw. jene Schichte von Menschen, welche sich unserer Gesellschaftsordnung nicht fügen, als Asoziale für sich eine eigene Klasse bilden."

Bettler, "Zigeuner" und "Asoziale": Begriffe, die von Geßmann schon im frühen 20. Jahrhundert zu einem Diskurs verknüpft wurden. In der Erinnerung vonseiten der Stadt Wien ist von seinen problematischen Texten jedoch nichts zu lesen: Nach wie vor gibt es die Albert-Geßmann-Straße in Floridsdorf, die an den österreichischen Politiker und Bibliothekar erinnern soll.

Auch diese Kontinuitäten sind es, die Schmiedt in ihrer Arbeit antreiben: "Wem wird da gedacht und welches Wissen wird vermittelt? Mir geht es darum, diese Zusammenhänge zu vermitteln. Denn ich glaube, dass es ein heutiges Grundübel ist, dass die Menschen keine Zusammenhänge mehr erkennen. Und im Grund ist diese Ideologie immer der gleiche Mist. Immer das gleiche Prinzip."

Nun gilt abzuwarten, wie die Öffentlichkeit auf die Ausstellung reagiert - und vor allem wie lange sie zu sehen ist: Bis zu Redaktionsschluss waren die Plakate zu einem großen Teil noch unversehrt. Zwei Plakate fehlten jedoch schon nach einem Tag. Es sind jene, die sich mit heutigen Formen von Rassismus auseinandersetzen. Es sind auch jene, an denen die rassistischen Schmierereien wie "Roma Rauss" dokumentiert wurden.