Wien. Nach jahrelangen Forderungen der Wirtschaftskammer gibt es nun auch von Infrastrukturminister Jörg Leichtfried (SPÖ) ein Bekenntnis zum Ausbau der Breitspurbahn nach Wien. "Ich will Österreich zur Logistikdrehscheibe in Europa machen", sagt er. Die derzeitige Endstation befindet sich im 400 Kilometer entfernten Kosice. Bei einem technisch möglichen Baubeginn in sechs Jahren könnte die Strecke bis zum Jahr 2033 fertiggestellt werden. Österreich wäre dann über die Schiene bis nach China verbunden.

Bis zu 127.000 Arbeitsplätze und 15,5 Milliarden Euro Wertschöpfung könnten in den kommenden Jahrzehnten mit einer Verlängerung geschaffen werden. Das geht aus einer Machbarkeitsstudie der Wirtschaftsprüfer Deloitte hervor, die vom Infrastrukturministerium in Auftrag gegeben wurde. "Die Warenströme werden zunehmen. Wir wollen ein Teil davon sein", sagt Leichtfried.

Die Verbindung zwischen Kosice und Wien soll eingleisig mit Ausweichstellen gebaut werden. Pro Tag rechnet man mit 54 Zügen zu je 67 Waggons. Wer jedoch davon träumt, von Wien nach Peking durchgehend mit der Bahn zu fahren, wird enttäuscht sein. Die Strecke wird ausschließlich dem Güterverkehr dienen. Haltestellen sind keine geplant.

Nur Güterverkehr
auf geplanter Strecke

Nach Peking sei es mit dem Flieger ohnehin schneller, sagt Leichtfried. Ansonsten müsse der Personenverkehr weiterhin mit dem bestehenden Netz auskommen. Pendler aus dem Osten werden aufgrund schlechter Bahninfrastruktur also weiterhin mit dem Auto fahren. In Zeiten von hohen Abgaswerten ist dies eine ernüchternde Ansage des Infrastrukturministers.

Neben Wien gibt es auch andere Interessenten für den Ausbau der Breitspurbahn, die von China unter dem Projektnamen "Seidenstraße" vorangetrieben wird. Entwürfe der Volksrepublik sehen derzeit zwei Stränge nach Europa vor. Wien wird in den Entwürfen nicht berücksichtigt. Der nördliche Strang soll über die Mongolei sowie Kasachstan nach Moskau und von dort über Warschau nach Prag, Hamburg, Duisburg, London sowie Madrid führen. Im Süden geht es über den Iran und die Türkei nach Piräus und über den Balkan nach Mitteleuropa. Nach derzeitigem Stand wäre Budapest die Endstation - und nicht Wien.

Bei einem von Chinas Staatschef Xi Jinping einberufenen Seidenstraßen-Gipfel im Mai wurde Österreich nicht hochrangig, sondern nur durch die Botschafterin vertreten. Im Gegensatz zu Ungarn, wo Ministerpräsident Viktor Orban anwesend war.

Wie hoch sind also die Chancen, dass die Breitspurbahn tatsächlich in Wien endet?

Leichtfried zeigt sich zuversichtlich. Man stehe in gutem Kontakt mit China. "Die Beziehung ist sehr harmonisch." Bei dem Gipfel wäre er zwar gerne dabei gewesen. "Wir hatten jedoch eine Regierungskrise, nachdem Sebastian Kurz die Koalition platzen ließ." Er entschied sich dafür, in Österreich zu bleiben.

Budapest ist
kein Konkurrent

Budapest sieht er nicht als ernsthaften Konkurrenten. "Die Anbindung an drei transeuropäische Bahnverbindungen, die durch den Osten Österreichs verlaufen, sprechen für den Wiener Standort." Außerdem sei die Bahn über die Mongolei und Russland schneller. Auf dem von China geplanten Weg über den Iran und die Türkei nach Budapest müsste hingegen ein Seeweg überquert werden.

Unterstützung erhält Leichtfried auch von Wirtschaftsminister Harald Mahrer (ÖVP). "Wir erwarten uns Stimuli für die Auto- und Automobilzulieferindustrie, Bau- und Bauzulieferindustrie, Papier- und Verpackungsindustrie, Maschinen- und Anlagenbauindustrie, Bahnindustrie, Logistikwirtschaft sowie Konsumgüterindustrie." Auch FPÖ-Verkehrssprecher Gerhard Deimek spricht sich für die Verlängerung der Bahn nach Wien aus: "Es wäre eine Erleichterung für Österreichs Handelsbeziehungen mit allen östlich gelegenen Ländern."

Die Baukosten für die Verlängerung samt Trockendock würden laut Studie 6,5 Milliarden Euro ausmachen. Auf österreichischem Boden alleine würde die Verlängerung rund 85 Millionen Euro kosten und der Containerterminal rund 850 Millionen Euro. Dazu würde man eine weitere Milliarde Euro in die Verstärkung des bestehenden Bahnnetzes stecken. Finanzierungsdetails zwischen den vier Partnerländern sind noch gänzlich offen. Die EU-Russland-Sanktionen würden das Projekt weder gefährden noch bremsen. Seitens der EU gebe es wohlwollende Signale zum Projekt.

Bei der Wirtschaftskammer (WK) begrüßt man das Bekenntnis von Leichtfried für den Ausbau. "Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass sich die Politik nun ernsthaft damit auseinandersetzt", sagt Davor Sertic, Obmann der Sparte Transport und Verkehr in der WK Wien. Und weiter: "Machbarkeitsstudien sind zwar gut, die positiven Effekte für die Wirtschaft sind aber längst bekannt. Jetzt müssen die Verantwortlichen auch endlich in ernsthafte Verhandlungen mit den Zuständigen gehen."