Wien. Wie steigt man gesellschaftlich auf? Glück? Beziehungen? Geld? Ellenbogeneinsatz? Man liest sich empor. Zumindest war das das Credo der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Österreich im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die 1848 erkämpfte Pressefreiheit führte auch zu einer Blüte an Arbeiterblättern, auch wenn viele anfangs aus Geldmangel nur einige Nummern lang erschienen. "Die sozialdemokratische Bewegung ist aus einer Bildungsinitiative entstanden", betont Lilli Bauer. Gemeinsam mit Werner Bauer kuratiert sie die Sonderausstellung "Presse und Proletariat" im Zuge von "Das rote Wien" im Waschsalon des Karl-Marx-Hofs in Heiligenstadt.

Diese sozialdemokratischen Blätter zeichneten sich durch einen anwaltschaftlichen Journalismus im Sinne der Arbeiter aus, erklärt Fritz Hausjell vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Am markantesten habe sich laut dem Experten hierbei die Sozialreportage hervorgetan. Journalisten ließen sich beispielsweise für einige Wochen verdeckt in Betrieben anstellen, um dann über dortige Um- und Missstände detailliert zu berichten und sie politisch zu thematisieren.

Von Kampforgan bis Karikatur

Zentrale Figuren dieser neuen Form des Journalismus waren Max Winter und Victor Adler, der spätere Gründer der sozialdemokratischen Partei. Adler schrieb 1895 in der "Gleichheit", dem Vorgänger der 1889 mit der Partei gegründeten "Arbeiter-Zeitung", über die Lage tschechischer Arbeiter in den Ziegelwerken vor den Toren Wiens. Diese nannte er "die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint" und machte auf das bereits damals verbotene System des "Blechgelds" aufmerksam. Denn die Arbeiter wurden in wertlosen Blechmünzen bezahlt, die nur in den überteuerten Kantinen und Geschäften des Betriebs akzeptiert wurden.

Erster Chefredakteur der "Arbeiter-Zeitung" wurde Victor Adler, ihm folgte 1895 der Kaufmannsgehilfe und Redakteur Friedrich Austerlitz nach. Austerlitz war ein Vielschreiber und Arbeitstier, laut Zeitgenossen aber auch cholerischer Perfektionist. Schon ein "verhatschter Nebensatz" konnte ihn zum Ausrasten bringen, ein banaler Stil war für ihn beinahe eine persönliche Kränkung. Nach dessen Tod 1931 übernimmt Oscar Pollak die Leitung. Herausgegeben wurde die Zeitung vom parteieigenen Vorwärts-Verlag, dessen Gebäude sich ab 1910 auf der Rechten Wienzeile befand. Heute ist dort unter anderem der Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung untergebracht.

Neben der "Arbeiter-Zeitung" als Haupt- und Kampforgan der Partei entwickelten sich auch zahlreiche andere Publikationen. Adelheid Popp gründete 1892 die "Arbeiterinnzeitung" als Beilage zur "Arbeiter-Zeitung" und bringt sie ab 1924 unter dem Titel "Die Frau" als eigene Monatsschrift heraus. Themen wie Mutterschaft, Kinderfürsorge und Ehegesetze sollen die damals noch mehrheitlich konservativ wählenden Frauen abholen. Aber auch Haushaltstipps, Ratgeber und Literaturbeilagen sind vertreten. 1923 erscheint "Die Unzufriedene" als breitenwirksame Frauenzeitschrift. Auch Satirezeitschriften wie die "Glühlichter" oder die "Leuchtrakete" werden publiziert, während sich der "Jugendliche Arbeiter" und "Kinderland" an jüngere Zielgruppen richten.

1927 wurde das "Kleine Blatt" als Gegengewicht zur bereits seit 1900 erscheinenden "Kronenzeitung" herausgegeben. Trotz seines boulevardesken Charakters setzte es nicht so stark auf Sensationslust wie die "Kronenzeitung" und wartete mit einer Vielzahl an wechselnden Rubriken auf. Auch satirische Beiträge und Karikaturen wie der kleinbürgerliche "Seicherl", der an Helmut Qualtingers 1961 geschaffene Figur des Herrn Karl erinnert, waren vertreten.

Jeder Gruppe ihr Blatt

1929 erschien mit dem "Kuckuck" eine Illustrierte, die sich neben sozialistischen Themen vermehrt Bilderreportagen und Collagen widmete, sei es nun über Arbeitsverhältnisse oder exotische Orte. Bereits 1933 bringt die Zeitschrift eine Fotoreportage über die ersten deutschen Konzentrationslager. "Eigentlich hätte man damals ahnen müssen, wohin das führen wird", meint Lilli Bauer betroffen.

Die Flut an Papier und Druckerschwärze stieß innerhalb der Partei nicht nur auf Gegenliebe. Der Kinderfreunde-Funktionär Alois Jalkotzy rechnete vor, dass alle Parteiorganisationen zusammen für jeden Sozialdemokraten Medien im Umfang von vierzig Büchern jährlich produzieren würden. Laut Hausjell war dieser scheinbare Wildwuchs aber eine logische Folge des von der damaligen Sozialdemokratie verfolgten Bildungsauftrags.

Die Struktur der einzelnen Zeitungen für verschiedene Zielgruppen - mit großem Kulturteil und Fortsetzungsromanen - spiegelte dies wider. Den Lesern wurde alternativ zum teuren Buchmarkt der Zugang zu klassischer und moderner Literatur verschafft, so Hausjell. Im "Kleinen Blatt" beispielsweise wurden Texte von Hans Fallada, Peter Rosegger, Ludwig Anzengruber und Agatha Christie publiziert. Aber auch die publizistische Deutungshoheit sowie eine Vormachtstellung hatten die Sozialdemokraten im Auge, wie Lilli und Werner Bauer erklären. Denn die "roten" Schriften waren trotz ihrer großen Anzahl nicht die einzigen Zeitungen, die sich seit 1848 etabliert hatten. "Es gab auch ein Gegenprogramm des konservativen Katholizismus, das sich damals zuerst gegen das Liberal-Bürgerlich-Jüdische stellte", so Fritz Hausjell. Es folgte die Gründung vieler katholischer Pressevereine, Lokalzeitungen und Blätter für ein breiteres Publikum. So stammen die immer noch existierende "Kleine Zeitung" oder das "Kleine Volksblatt" aus dieser Zeit. Das "Kleine Volksblatt" als Reaktion auf die "Kleine Zeitung" hingegen wurde 1938 gleichgeschalten, 1944 eingestellt und nach dem Krieg wieder als ÖVP-Parteizeitung neu gegründet, bevor es endgültig eingestellt wurde. Das 1945 gegründete "Neue Volksblatt" existiert noch als letzte ÖVP-Parteizeitung in Oberösterreich. "Man wollte den Sozialdemokraten oder Kommunisten nicht das Feld überlassen", so der Experte. Auch die deutschnationalen und nationalsozialistischen Lager bauten vor allem Mitte der Zwanzigerjahre eine eigene Presse auf.