In der Stadt Wien sieht man den Bau nicht so dramatisch. Ist das lediglich eine Interpretationsfrage?

Das ist eine komische Einstellung, die Einschätzung von Unesco und Architekten in den Wind zu schlagen. Bei einem Arzt vertraut man ja auch darauf, dass er sich besser bei einer Blinddarmoperation auskennt als man selbst. Wien hat erklärt, dass es sich bei dem Heumarktprojekt um eine Bereicherung des Stadtbildes handeln soll. Wobei: Das Wort "Bereicherung" stimmt schon. Nur eben nicht des Stadtbildes. Das ist der Marktradikalismus, der ohne Rücksicht auf kulturelle Zusammenhänge bemüht ist, einen möglichst großen Gewinn herauszuschlagen. Der Heumarkt ist dafür das klassische Beispiel.

Konsequenzen scheinen immerhin keine zu drohen.

Viele Experten sehen in diesem Vorgehen einen Verstoß gegen den zwischen der Republik Österreich und der Unesco geschlossenen Vertrag. Sie legen das als Amtsmissbrauch aus, bei dem die Gemeinderäte, die für die Flächenwidmungsänderung gestimmt haben, einen Rechtsbruch begangen haben.

In Schönbrunn ist auch einiges in Planung. Läuft man dort Gefahr, den Welterbe-Status zu verlieren?

Natürlich. Da wird jetzt ein Willkommensportal im Stile einer Autobahnraststation direkt vor dem Haupteingang von Schönbrunn gebaut. Hinzu kommt noch, dass der alte Botanische Garten in den Tiergarten Schönbrunn eingegliedert werden soll. Dabei ist ganz klar in der Vereinbarung mit der Unesco geregelt, dass der Tiergarten in Bestand und Wertigkeit erhalten werden muss. Der kann also nicht einfach zu einem Safaripark umgebaut werden. Natürlich warnen wir, dass das mit dem Erhalt des Weltkulturerbes nicht vereinbar ist. Aber von der Politik her stoßen wir in solchen Situationen leider so gut wie überall auf Unverständnis.