Wien. Das Thema Antisemitismus füllt auch dieser Tage wieder gedruckte und soziale Medien. Was aktuell in Österreich der Regierungsbeteiligung der FPÖ und deren Kontakten zu schlagenden Burschenschaften geschuldet ist, ist allerdings in Wellen immer wieder zu beobachten, wie Martin Rothgangel, Vorstand des Instituts für Religionspädagogik an der Universität Wien, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont. Soll heißen: Es gibt Zeiten, in denen Antisemitismus im tagespolitischen Diskurs sehr präsent ist, wie etwa in den 1990er Jahren, als Neonazis im Osten des wiedervereinten Deutschland für permanente Schlagzeilen sorgten. Das sage aber nichts über einen allfälligen tatsächlichen Anstieg von Antisemitismus aus.

An der Universität Wien tauschen sich ab Sonntag im Rahmen der Konferenz "An End to Antisemitism!" 150 internationale Experten über die verschiedensten Formen von Antisemitismus quer durch die Geschichte und über die Kontinente aus. Es geht den Veranstaltern - Universität Wien, New York University, Tel Aviv University und European Jewish Congress - nicht nur um einen wissenschaftlichen Befund. Die Experten sollen in den kommenden Tagen auch einen Maßnahmenkatalog entwerfen, der Antisemitismus künftig vorbaut beziehungsweise verhindert.

Ein durchaus schwieriges Unterfangen, wie Rothgangel, der im Rahmen der Konferenz den Arbeitskreis für den Bereich Pädagogik leiten wird, betont. Er findet es einerseits "beachtlich, dass man den Handlungsaspekt von vorneherein so stark thematisiert". Andererseits gibt er zu bedenken: Oft werde rasch nach Maßnahmen gerufen, ohne über Grundlagenforschung zu verfügen.

Genau das sei auch beim Thema Antisemitismus der Fall. Der Antisemitismus sei im Steigen, lese man in den vergangenen Jahren wieder öfter, teils in Zusammenhang mit rechtem Antisemitismus, teils in Zusammenhang mit den Fluchtbewegungen aus muslimischen Ländern. Doch was zum Beispiel die Situation in Österreich anbelangt, gebe es hier wenig verlässliche Daten. Einerseits würden Straftaten mit antisemitischer Motivation erfasst, andererseits antisemitische Übergriffe und Äußerungen von Einrichtungen wie dem Forum gegen Antisemitismus oder Zara (Zivilcourage- und Antirassismus-Arbeit) festgehalten. Doch das könne die tatsächliche Situation nicht ausreichend beschreiben.

"Das ist ein echtes Forschungsdesiderat, eine verlässliche Studie über die Verbreitung von Antisemitismus in Österreich anzufertigen." Anzusiedeln wäre eine solche Arbeit bei den empirischen Sozialwissenschaften. Zugrunde legen könnte man dieser Forschung die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (Ihra), die inzwischen von einigen Staaten, darunter auch Österreich, angenommen wurde.

"Gesellschaft für Antisemitismusforschung"

Diese lautet: "Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen."

Rothgangel sieht allerdings schon Ansätze für künftige intensivere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenfeld. Im Vorfeld der Konferenz formiere sich aktuell bereits eine "Gesellschaft für Antisemitismusforschung". Dadurch werde auch sicher an der Universität Wien Antisemitismusforschung institutionell vorangetrieben.

Warum halte sich aber Antisemitismus so beharrlich und das trotz der vielen Aufarbeitungsbemühungen zahlreicher Institutionen nach dem Holocaust? "Nach meiner Überzeugung ist für die umfassende Verbreitung von Antisemitismus in Europa das Christentum wesentlich verantwortlich." Über die Jahrhunderte sei stets das Judentum als negativer Gegenpol gezeichnet worden. "Man muss sich fragen, ob der rassistische Antisemitismus ohne das Vorhandensein dieser christlichen Gesamtprägung erklärt werden kann. Warum sind ausgerechnet die Juden die Gegenrasse zu den Ariern?"

Die Kirchenleitungen sowohl in der katholischen Kirche als auch den evangelischen Kirchen hätten hier sehr positive Reformprozesse initiiert, doch diese würden nicht immer breitenwirksam. Hier brauche es Modelle, etwa über den christlichen Religionsunterricht. Rothgangel schwebt ein Verhältnismodell von Judentum und Christentum vor, das nicht auf einer simplen Gegenüberstellung beruht, sondern auch die übergreifenden Gemeinsamkeiten herausarbeitet. Doch auch hier brauche es wieder empirische Studien. "Ich befürchte, dass das Problem viel zu komplex ist, als dass man es mit Hauruck-Maßnahmen in den Griff bekommt."