Wien. Es gibt rein akademische Konferenzen, bei denen sich Experten und Expertinnen austauschen. Und es gibt politische Gipfel, die Lösungen für aktuelle Probleme suchen. Die derzeit in Wien stattfindende Konferenz "An End to Antisemitism!" versucht, beides zu sein. Initiiert wurde sie von Ariel Muzicant, dem Ehrenpräsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) und Vizepräsidenten des World Jewish Congress (WJC) sowie des European Jewish Congress (EJC).

Muzicant war es leid, ständig von jüdischen Gemeinden zu hören, dass der Antisemitismus steige. Und er wollte handeln. "Judenfeindlichkeit ist ja nichts Neues", betonte er nun bei der Eröffnung der Konferenz, die noch bis heute, Donnerstag, stattfindet. Ausgerichtet wird sie vom EJC gemeinsam mit der Universität Wien sowie der Tel Aviv University und der New York University. Muzicant geht es um Lösungen, wie Antisemitismus beseitigt werden kann. Aus der Expertise der rund 150 Vortragenden soll im Anschluss an das Symposium ein Katalog mit konkreten Maßnahmen entstehen.

Linke Antisemiten

Dass Handlungsbedarf besteht, darüber waren sich alle Konferenzteilnehmer einig. Muzicant bezeichnete Antisemitismus als Krankheit, die es auszurotten gelte, aber auch als Hydra, deren Köpfe man einen nach dem anderen abschlagen müsse. Und es sind viele Köpfe, viele Ausprägungen - und mitnichten immer klar voneinander abgrenzbar. Das verdeutlichten etwa die Ausführungen von Zbynek Tarant (Universität von Westböhmen) über Phänomene, die Antisemitismus von rechts heute in Osteuropa begleiten. Landläufig gehe man davon aus, dass Kommunisten nichts mit rechten Populisten gemein hätten. Dem sei aber gar nicht so. Wie jüngst eine Untersuchung ergeben habe, würden in Sozialen Medien von beiden Gruppen oft ähnliche Inhalte gepostet. Beide Gruppen seien anfällig für Fake-News-Seiten.

Andererseits bekomme die populistische Rechte europaweit "einflussreiche Freunde". Sie werde von anderen Parteien zwecks Mehrheitsbeschaffung ins Zentrum der Aufmerksamkeit geholt, wie aktuell auch in Österreich durch die Koalition der ÖVP mit der FPÖ. Und dann sei da noch die Sache mit der plötzlich bekundeten Judenfreundschaft: "Sie sagen, sie mögen dich - sie versuchen aber nur, einen ‚Koscher‘-Stempel zu bekommen", so Tarant. An den antisemitischen Einstellungen ändere das wenig.

Claudia Globisch (Universität Innsbruck) wiederum skizzierte, wie sehr linker Antisemitismus mit Antizionismus verbunden ist. Der Staat Israel werde als Besatzer dargestellt, man stelle sich auf die Seite der Palästinenser. Interessantes Detail dabei: Während Israel als nationalistisch gelabelt werde, klammere man diesen Aspekt, wenn es um die Palästinenser gehe, völlig aus. Der Holocaust werde von linken Antisemiten nicht geleugnet, aber oft relativiert, indem andere Opfer in die Debatte eingebracht würden. Aktuell sei die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) hier sehr aktiv. Sie ist zum Beispiel an britischen und US-Unis erfolgreich im Dämonisieren Israels. An den Wiener Hochschulen gibt es allerdings - ausgehend von der Uni Wien mit einer entsprechenden Beschlussfassung der Studierendengremien - einen breiten Konsens, BDS keinen Raum zu geben.