Wien. In der Wiener Bestattungsszene kann es ganz schön lebhaft zugehen. Das zeigt ein wochenlanger Tumult um einen Fairtrade-Sarg, der erst diese Woche durch ein Sachverständigengutachten zur letzten Ruhe kam. Von Debatten über Leichensäfte bis zu Konkurrenzkämpfen bietet er alle Zutaten für ein markbares Schauspiel. Eine schwarze Komödie in drei Akten.

Marijan Martinovic und der Öko-Sarg. - © Marijan Martinovic
Marijan Martinovic und der Öko-Sarg. - © Marijan Martinovic

Erster Akt: Bestatter Marijan Martinovic hat eine neue Geschäftsidee. Er möchte in Wien Fairtrade-Särge verkaufen. Sie werden vom deutschen Hersteller Boskamp Green Coffins unter anderem in Indonesien und China unter fairen Arbeitsbedingungen geflochten und bestehen etwa aus Bambus, Weidenruten, Bananenblättern und Maismatratzen. Martinovic kauft drei dieser Öko-Särge. Anfang Juni 2018 findet er die erste Abnehmerin. Sie will ihren 88-jährigen Bruder darin bestatten lassen - die "Wiener Zeitung" berichtete.

Doch die Wiener Bestatterszene ist heiß umkämpft. Laut Wirtschaftskammer Wien gibt es seit dem Wegfall des Gebietsschutzes 2002 insgesamt 26 private Unternehmen. Tendenz steigend. Neue Konkurrenz ist da nicht gerne gesehen. So bringt ein privates Bestattungsunternehmen bei der MA 40, dem Amt für Soziales, Sozial- und Gesundheitsrecht, eine Anzeige ein, wonach der Sarg nicht dem Wiener Leichen- und Bestattungsgesetz entspricht.

Es fehle die Bestätigung, dass der Sarg flüssigkeitsdicht sei, erklärt ein Sprecher der Bestattung und der Friedhöfe Wien. Während des Begräbnisses könnten auf dem Weg zum Grab Leichensäfte heraustropfen. Das sei hygienisch riskant.

Nur ein vorläufiger Erfolg

Zweiter Akt: Während sich der Streit entspinnt, liegt die Leiche des zu bestattenden 88-Jährigen gekühlt in der Leichenkammer des Friedhofs Baumgarten. Es besteht Zugzwang. Der Tote soll demnächst beerdigt werden. Was tun? Eine saugfähige Unterlage könnte hineingelegt werden - doch dann wäre der Sarg nicht mehr "bio", betont Martinovic.

Muss der Verstorbene also in einen herkömmlichen Sarg umgebettet werden - oder kommt der Sarg durch die Dichtheitsprüfung? Die MA 40 bestellt einen externen Sachverständigen. Der Sarg besteht die Tests, welche der Experte mit Wasser durchführt. Martinovic gewinnt. Doch nur vorläufig. Denn der Bestatter erhält nur eine Sondergenehmigung für die Bestattung des 88-Jährigen. Für den Verkauf wird der Sarg noch nicht zugelassen. Erst ein schriftliches Gutachten muss klären, ob der Fairtrade-Sarg den Anforderungen des Wiener Leichen- und Bestattungsgesetzes wirklich entspricht.

Dritter Akt: Das von der MA 40 beauftragte Gutachten des externen Sachverständigen für das Fachgebiet Leichenbestattung wird am Dienstag fertiggestellt. Der "Wiener Zeitung" liegt das 15-seitige Papier vor. Der Gutachter prüft darin, "ob die Gleichwertigkeit und Vergleichbarkeit der für den Korbsarg verwendeten Materialien mit einem Holzsarg in Bezug auf Dichte, Tragfähigkeit bzw. Stabilität, Verrottbarkeit, Hygiene und Geruchsdurchlässigkeit" gegeben sind.

Die Testversuche

Dazu führt er Tests durch. So befindet sich in den Särgen eine Matratze, die aus aufgeschäumten Maisgrieß besteht. Der Gutachter gibt nun sechs Stück Maisgrieß in ein Wasserglas und überprüft die Saugfähigkeit. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden: Innerhalb von zehn Minuten wird das Wasser vom Maisgrieß aufgenommen.

Und auch das Leinentuch aus ungebleichter Baumwolle, in das die Leiche gewickelt wird, besteht die Tests. Das Tuch wird mit exakt zwei Litern Wasser befüllt: "Nach 48 Stunden konnte kein Wasserverlust durch das Leinentuch hindurch festgestellt werden." Es sei aufgrund der Tests daher davon auszugehen, dass der Sarg flüssigkeitsdicht ist, so der Gutachter.

Zudem wird eine 92 Kilo schwere Person in den Sarg gelegt und getragen, um "eine Beerdigung zu simulieren". Der Sarg hält stand. Dass am Boden des Sarges keine Füße angebracht seien, erschwere das Tragen aber. Damit der Sarg bei Feuerbestattungen in allen Wiener Krematorien verwendet werden kann, bedürfe es zudem noch kleiner Nachbesserungen, so der Experte. So müsse man etwa bei den Polstern in der Sarg-Innenausstattung auf die Sägespäne verzichten, schreibt er.

Ende der Geschichte

Der flüssigkeitsdichte Sarg entspreche aber den zu untersuchenden Bestimmungen des Wiener Leichen- und Bestattungsgesetzes, so die Conclusio des Gutachters. Ein Sprecher der MA 40 verwies am Freitag darauf, dass das Gutachten rechtlich bindend ist. So nimmt die Geschichte für Martinovic ein glückliches Ende: Der Nutzung der Särge steht nun nichts mehr im Weg.