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Wien. Dass es auf der Hernalser Seite des Johann-Nepomuk-Berger-Platzes einmal das Varieté Westend gab, wissen nur wenige. Gustav Zwicker und Karl Swoboda-Mercedes erbauten hier 1920 einen Holzbau, den sie als Circus Metropol bespielten. 1924 kaufte der Direktor vom Favoritner Kolosseum das Gebäude und baute es zur Varietébühne um.

Direktoren und Betreiber waren im Eröffnungsjahr Hugo Piett und Karl Menhart, ab 1927 Menhart und Zwicker. "Das Programm wechselte alle 14 Tage", sagt der Historiker Robert Kaldy-Karo: "Es gab gemischte Varietéprogramme, Zirkusrevuen, Theaterstücke und Musikabende bekannter Orchester." Unter den auftretenden Künstlern waren Hans Moser, Turl Wiener, Hermann Leopoldi, Lia Bayer und Leo Jaritz. Die Shows trugen Namen wie "Fahr ma, Euer Gnaden" (1927), "Das Sittenbild unter den Dächern von Wien" (1931), "Der verflixte Haupttreffer" (1933), "Alles steht Kopf" (1934) und "Die Geheimnisse des Ganges" (1936).

Auch der berühmte Clown Tom Belling trat hier auf - und zwar mit seinen "Hundedressuren", so Kaldy-Karo schmunzelnd: "Dabei rauchten seine Hunde unter anderem eine qualmende Pfeife. Aus Tierschutzgründen wären solche Nummern heute zum Glück verboten, doch viele seiner Requisiten befinden sich im Circus- und Clownmuseum."

Vorfall mit Löwen

Die Trams fuhren an den Veranstaltungsabenden extra bis nach Vorstellungsende, um die Gäste nach Hause zu bringen, doch nicht jede Darbietung ging sang- und klanglos über die Bühne.

Im Weltblatt vom 5. Dezember 1930 ist beispielsweise von einem Vorfall zu lesen, bei dem ein Dompteur von einem Löwen angefallen wurde: "Im Rahmen des Stückes ‚Die Kleine im Zirkus‘ tritt der Artist Roman Broske mit einer zehnköpfigen Löwengruppe auf. Der fünfjährige Löwe ‚Rassa‘, ein sehr bösartiges Tier, fiel während der Produktion den Dompteur plötzlich an und verletzte ihn an der rechten Hand schwer. Da sich Wundfieber einstellte, musste Broske noch in der Nacht in die Unfallstation gebracht werden. Trotz der Verletzungen beabsichtigt Broske heute abends wieder aufzutreten."

In dieser Periode kam es auch zum "finanziellen Zusammenbruch eines Volksvarietés", wie das Weltblatt vom 15. Februar 1931 schreibt: "Donnerstag ist die bisherige Direktion vom Varieté Westend zurückgetreten. Eine Arbeitsgemeinschaft von Schauspielern, Artisten, Musikern und Angestellten führt den Betrieb weiter und prominente Varietékünstler haben sich ihr ab 16. des Monats zur Verfügung gestellt. Die alte Direktion trat wegen allgemeiner wirtschaftlicher Notlage zurück."