Wien. Die Nachfrage nach Schusswaffen ist innerhalb weniger Wochen in Wien stark gestiegen: Das bestätigen auf Anfrage der "Wiener Zeitung" sowohl Waffenfachhändler und Psychologen als auch die Auswertungen von behördlichen Statistiken. Vom 1. bis 28. Oktober beantragten 198 Personen eine Waffenbesitzkarte in Wien - im August waren es noch zehn gewesen. Insgesamt wurden vom ersten Jänner bis 30. September 846 Anträge verzeichnet. Die Anzahl an Anträgen sei weiterhin hoch, heißt es aus der Landespolizeidirektion Wien.

"Wir hatten dieses Jahr bis jetzt pro Monat durchschnittlich zehn Teilnehmer an Waffenführerscheinkursen. Im Oktober waren es plötzlich 68, im November gab es bis jetzt 67. Es werden diesen Monat voraussichtlich 100 werden", sagt Markus Schwaiger vom Waffenhandel Euroguns. Ausgebucht seien die Kurse aber nicht: "Wir machen einfach mehr Termine." Veränderungen in der Kundenklientel habe er keine wahrgenommen. "Wie immer sind etwa 80 bis 90 Prozent Männer, die auch vom Eindruck her ganz normale Leute sind", sagt Schwaiger. Primär gefragt seien Faustfeuerwaffen und Flinten. Das bestätigen auch andere Waffenhändler.

Die Flüchtlingskrise hätte mit der höheren Anzahl von Anträgen sicher auch etwas zu tun, sagt Heribert Seidler von "Seidler-Waffen". - © Jenis
Die Flüchtlingskrise hätte mit der höheren Anzahl von Anträgen sicher auch etwas zu tun, sagt Heribert Seidler von "Seidler-Waffen". - © Jenis

Gerhard Pöpl, Geschäftsführer des Waffengeschäfts "doubleaction OG", berichtet von steigenden Verkäufen seit Anfang September. Die Kunden würden aus allen möglichen Bevölkerungs- und Alterskreisen kommen: "Teilweise kommen die Leute mit dem Chauffeur, der sich dann draußen einparkt. Genauso gibt es Leute, die fragen, ob die Ware bis Ende des Monats reserviert werden kann, weil sie auf ihr Monatsgehalt warten müssen."

Die Nachfrage im November sei wie in den letzten Wochen "gleichbleibend, auf höherem Niveau", sagt Heribert Seidler. Bei einem Besuch in seinem Waffengeschäft "Seidler-Waffen" in der Heiligenstädter Straße herrscht am Mittwochnachmittag ein reges Kommen und Gehen. "Wir bieten die Grundschulungen zur Erlangung der Waffenbesitzkarte und des Waffenpasses an. Da gibt es einen signifikanten Anstieg. Bis Jahresende sind wir ausgebucht." Derzeit würden mehr Frauen als sonst kommen. Zudem sei auffallend, dass viele Polizisten privat eine Waffe kaufen würden.

Bei der Frage, warum sich die Wiener verstärkt aufrüsten, werden unterschiedliche Motive genannt. "Selbstschutz ist meistens ein Thema", berichtet Seidler. Allerdings würden die Menschen vielfach auch einfach hobbymäßig auf den Schießstand gehen. Die Flüchtlingskrise hätte mit der höheren Anzahl von Anträgen für Waffenbesitzkarten sicher auch etwas zu tun. Die Menschen würden sich mit zunehmender Tendenz selbst um ihre Belange kümmern wollen, da sich der Staat aus verschiedenen Bereichen - wie etwa bei den Pensionen, der Gesundheit und eben auch der Sicherheit - zurückziehen würde. Das sehe man bei der Hilfe von Privaten bei der Flüchtlingskrise: "Ohne die wäre es wahrscheinlich gar nicht möglich", sagt Seidler.

Motiv Selbstverteidigung

"Einerseits geht es mich nichts an. Anderseits kommt teilweise schon im Gespräch durch, dass jemand etwas für die Selbstverteidigung braucht", so Schwaiger. Beim psychologischen Test würden die Menschen dagegen behaupten, eine Waffe aus sportlichen Gründen zu wollen. Das könne aber auch eine Schutzbehauptung sein, sagt Schwaiger.

Warum sich jemand eine Waffe zulegen würden - darüber mache er sich keine Gedanken, meint Pöpl. Denn laut Waffengesetz sei es eine ausreichende Rechtfertigung, eine Waffe zur Selbstverteidigung in den eigenen vier Wänden bereitzuhalten. "Es gibt keinen Grund, bei mir im Geschäft einen zweiten psychologischen Test einzuführen, bei dem ich mit den Leuten philosophiere, ob oder wofür sie eine Waffe verwenden wollen." Wenn ihm jemand in seinem Geschäft suspekt erscheine, würde er bei ihm auch keine Waffe kriegen - das komme aber nur selten vor. Der Waffenhandel sei sowieso eine der am meisten reglementierten und kontrollierten Branchen in Österreich überhaupt - das sei auch gut so, sagt Pöpl.

Dass die steigende Beliebtheit von Schusswaffen auf das Jagen zurückzuführen ist, können Seidler und Pöpl nicht bestätigen. "Damit man die Jagd ausüben darf, muss man einen mehrmonatigen Jagdkurs absolvieren. Das ist eine viel längerfristige Geschichte als der Erwerb der Waffe selbst. Ich sehe weder beim Schießsport noch bei der Jagd die großen Anstiege - ganz einfach auch, weil man sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht sehen kann", sagt Pöpl. Wer sich für die Jagd interessiere, sei entweder auf Trophäen aus oder wolle natürliches Fleisch haben und sich in der Natur aufhalten. "Das sind Dinge, die mit den Entwicklungen der letzten Monate und Wochen nichts zu tun haben. Die Leute scheinen Bedenken zu haben, ob die Sicherheitslage - die in Österreich hervorragend ist - in einigen Monaten auch noch so sein wird", erklärt sich Pöpl den Anstieg.

Schlechte Lieferfähigkeit

Im Internet kursierende Gerücht, nach denen ganze Lagerbestände von Waffen und Munition ausverkauft sein, relativiert Pöpl: "Die Leute purzeln nicht autobusweise vor dem Waffengeschäft heraus." Von Engpässen bei bestimmten Waffenmarken sei "überhaupt keine Rede". Etwaige Verzögerungen bei den Bestellungen hätten einen logistischen Hintergrund.