Wien. "Das ist eine pseudowissenschaftliche Rarität, die Fritz Hakls Manager Oskar Fischer gedruckt hat", sagt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, als er das Heftchen "Das Leben der Liliputaner und was man darüber wissen möchte" aus einer Archivkiste herausnimmt. Fischers Broschüre - er war zeitweise auch Direktor des Zirkus Zentral - ist aus der Sicht von Liliputanern selbst geschrieben: "Wir möchten darauf aufmerksam machen, daß es nicht, was viele Menschen glauben und was auch oft erzählt wird, einen Liliputanerstamm gibt. Wir sind genau wie alle anderen Menschen, Kinder von normalen Eltern und auf normale Weise geboren.

Bei unserer Geburt wußte noch niemand, daß wir so klein bleiben werden. Erst bei unserem vierten bis sechsten Lebensjahr wurde festgestellt, daß wir nicht weiterwachsen." Liliputaner waren schon vor der Praterexistenz Attraktionen und wurden, wie andere "exotische" Wesen auch, an den Höfen des Adels aus- und angestellt.


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Ab 1911 gab es schließlich im Zirkus Zentral im Prater eine eigene Liliputstadt. Die Häuser, Fenster und Türen waren der Kleinwüchsigkeit angepasst, von außen konnte man so dem Treiben der Liliputaner zusehen. Kaldy-Karo erzählt: "Dort war etwa ein Liliputanerheuriger, wo man von Liliputanern bedient wurde, es gab aber auch Geschäfte mit Handwerkern, ein Gefängnis, ein Postamt, Theaterstücke und Zirkusveranstaltungen - alles von Liliputanern betrieben. Außerdem verrichtete die kleinwüchsige Wahrsagerin Lidia Pythia ihre Dienste: Ihre offizielle Adresse war Liliputstadt, Hauptstraße 3."

Die Liliputaner erfreuten sich großer Popularität: 1914 eröffnete gegenüber dem Gasthaus Zum Eisvogel ein Liliput-Circus-Varieté; 1934 wurde neben dem Zirkus Zentral "Glauers Liliputstadt" gebaut. Direktor und Eigentümer war Heinrich Glauer, selbst 1,10 Meter groß. Im Programm: ein Xylophon-Trio, ein "Girl-Tanz" sowie eine Boxkampf-Parodie samt Schiedsrichter und Assistenten - alles in Kleinformat. 1935 kam "Gnidley’s Liliputstadt" in den Prater: angekündigt wurden dort Vorstellungen wie "Komisches Zwischenspiel der Spaßmacher", "Entkleidungsszene in der Luft" und "Parade der Marzipan-Soldaten".

Kleine Menschen, große Künstler

"Wir sind alle geistig auf der Höhe und vollkommen normal und brauchen keinerlei Aufsicht", heißt es in "Das Leben der Liliputaner" weiter, "Wir besuchten genau wie alle anderen Menschen vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr die Schule, können lesen, rechnen und schreiben und es haben sogar viele unserer kleinen Kollegen und Kolleginnen eine höhere Schuldbildung genossen und die verschiedensten Berufe erlernt, wie etwa Kaufmann, Uhrmacher, Schneider oder Modistin.

Leider ist es uns immer so ergangen, daß wir nach unserer Lehrzeit keine Anstellung bekommen haben, da man uns wegen unserer Kleinheit nie als volle Kraft angesehen hat und deshalb nicht einstellen wollte. Auf Vorschlag unserer Chefin wurden wir dann von artistischen Fachkräften ausgebildet und wir haben festgestellt, daß dies für uns der beste Beruf ist." Ab 1940 wurde jedoch die Präsentation von Liliputanern im Prater verboten. Ihnen drohte ein grausames Schicksal im Hitlerregime.

Absurderweise hielt sich Josef Mengele, der im Konzentrationslager Auschwitz die Vergasung der Opfer überwachte und menschenverachtende medizinische Experimente an Häftlingen durchführte, sieben kleinwüchsige Geschwister, die Ovitz-Liliputaner.

Kaldy-Karo hakt ein: "Noch vor dem Zweiten Weltkrieg hat man für die Zirkussensation der menschlichen Kanonkugel, bei der ein lebendiger Mensch aus einer Kanone in ein Netz geschossen wird, oft Liliputaner genommen. Einfach, weil sie kleiner waren und man dabei mehr Möglichkeiten hatte. Später hat das der Raketentechniker Wernher von Braun bei den Raketenversuchen der Nazis brutal für sich genutzt und für seine V2-Versuche in Peenemünde Kleinwüchsige verwendet, die dabei teilweise jämmerlich umgekommen sind."

Ein Kleinwüchsiger, der einen beachtenswerten Aufstieg schaffte, war Fritz Hakl (der eigentliche Familienname war Hackl, doch ein bürokratischer Fehler machte ihn zum Hakl). Er wurde 1932 in der Steiermark in eine arme Familie mit normal großen Eltern geboren. Fritz Hakl sollte eines von acht Kindern sein, darunter zwei Liliputaner, die anderen aber bis 1,86Meter groß.

Fritz Hakl erzählt im "Wiener Bürgerblatt" (9/1973): "Eigentlich wollte ich ja Goldschmied oder Uhrmacher werden. Das sind Arbeiten, die nicht zu schwer sind und die ich hätte ohneweiters machen können. Doch es war Krieg, und meine Pläne haben sich zerschlagen." Er schloss mit 14 die Schule ab, darauf folgten Jahre im Zirkus, Cabaret und Varieté. Seine Körpergröße betrug bis zum 16. Lebensjahr 97 Zentimeter, danach fand noch ein Wachstumsschub auf 116 Zentimeter statt, und er wog 23 Kilo. Für vier Jahre trat er mit anderen Liliputanern im Prater auf.