Wien. Die Eröffnung eines islamischen Jugendzentrums sorgt für Wirbel in Wien. Betrieben von der umstrittenen Milli-Görüs-Bewegung (gesprochen: Milli Görüsch), wurde nun sogar der Verfassungsschutz eingeschaltet. Die ÖVP spricht von einer Verfehlung der rot-grünen Integrationspolitik. Bürgermeister Michael Ludwig spielt den Ball an die Bundesregierung und die Polizei weiter. Schließlich verfüge Wien über keinen eigenen Geheimdienst. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Susanne Schröter vom "Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam" über die Milli-Görüs-Bewegung, über die Hintergründe und die politischen Implikationen mit der Türkei.

"Wiener Zeitung":Was ist Milli Görüs eigentlich?

Susanne Schröter: Das ist eine Bewegung, die in der Türkei entstanden ist. Sie wollte eine Alternative zu Kapitalismus und Sozialismus sein und hat den Islam als dritten Weg gesehen. Ziel war es, die Türkei in einen islamischen Staat umzuwandeln. Deshalb wurde sie auch immer wieder verboten. Der Gründer, Necmettin Erbakan, hat auch mehrmals versucht, Parteien zu gründen, die ebenfalls verboten wurden, weil man ihnen zu Recht umstürzlerische Absichten vorgeworfen hat.

Susanne Schröter ist Professorin am Institut für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie ist im wissenschaftlichen Beirat des "Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft" und Direktorin des 2014 von ihr gegründeten "Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam". - © FFGI
Susanne Schröter ist Professorin am Institut für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie ist im wissenschaftlichen Beirat des "Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft" und Direktorin des 2014 von ihr gegründeten "Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam". - © FFGI

Wie kommt diese Bewegung nach Österreich?

Die Milli Görüs ist mittlerweile international. Sie hat nicht mehr nur die Türkei zum Ziel. Sie existiert überall dort, wo es türkische Einwanderer gibt.

Und was kann die Bewegung hier wollen?

Da muss man beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan beginnen. Der ist nämlich ein Milli-Görüs-Zögling. Er will einen großen islamistischen Block schaffen, der auch in der Regierung verankert ist. Deshalb fusioniert gerade die staatliche Religionsbehörde in der Türkei mit der Milli Görüs. Der staatliche Islam war in der Türkei lange Zeit moderat, weil die Türkei eine laizistische Verfassung hat. Aber Erdogans Projekt ist es, die Türkei zu reislamisieren und den Islam wieder in die Politik hineinzutragen. Das hat auch eine internationale Dimension, denn Erdogans Einfluss auf Europa ist unbestritten. Er versucht, die türkische Diaspora ganz eng an sich zu binden, dafür nutzt er auch die Milli Görüs.

Was bedeutet das im Falle des neuen Jugendzentrums in Wien?

Dass es ein Standort für Erdogan ist, um die Jugend in Wien zu beeinflussen. International hat die Milli-Görüs-Bewegung stets versucht, türkische Muslime in der Diaspora zu indoktrinieren. Sie versucht, ihnen einzureden, dass sie zu Höherem berufen sind und als Muslime allen anderen überlegen sind. Die Reinheit des Glaubens verbindet sie damit, sich nicht auf die Mehrheitsgesellschaft einzulassen. Es geht also darum, die Jugendlichen daran zu hindern, sich in die säkularen Gesellschaften Europas zu integrieren. Das ganze ideologische Gebäude basiert darauf, dass Milli Görüs eine Parallelgesellschaft für hauptsächlich türkische und türkischstämmige Muslime schafft. Das ist das große Problem an der Bewegung: Sie ist in extremen Maße anti-integrativ.