Wien. Der Grün-Politiker Christoph Chorherr hat am Mittwoch im Gemeinderat zum letzten Mal das Wort ergriffen, da er sein Mandat zurücklegt. "Ich werde sie nicht mit Wehmut belästigen", versprach er zum Auftakt seiner Abschiedsrede. Er ließ aber sehr wohl die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren, schwärmte von Wien und appellierte an die Politik, mutig zu sein.

Der nunmehr 58-Jährige zog 1991 in das Stadtparlament ein - als noch Bürgermeister Helmut Zilk (SPÖ) im Rathaus regierte, wie Chorherr wohlweislich hinzufügte. Es habe damals keine Seestadt gegeben und keinen Nordbahnhof. Der Bau zahlreicher U-Bahn-Abschnitte sei ebenfalls noch bevorgestanden. Auch die Kommunikationstechnik, so erinnerte er, habe sich seither weiterentwickelt: "Damals gab es kein Google, kein Facebook." Statt einem Mobiltelefon habe er einen Pager besessen.

Der Gemeinderat sei ein Gremium, das er geliebt habe, beteuerte er: "Kommunalpolitiker zu sein, ist ein toller Beruf, eine tolle Berufung." 1991 sei das Jahr gewesen, wo die Wiener Bevölkerung wieder gewachsen sei. Städte seien plötzlich wieder "hochattraktiv" geworden. Es sei ein großes Privileg gewesen, hier mitgestalten zu dürfen, so Chorherr.

Wien sei ein Ort mit "unglaublich tollen Menschen". Für diese und mit ihnen etwas zu tun, gebe sehr viel Kraft. Politik solle nicht Angst machen, sondern Hoffnungen unterstützen: "Es geht einem auch selbst besser, wenn man für wen etwas tut." Auch die Entwicklung neuer Stadträume sei eine "tolle Herausforderung".

Er lobte die in Wien bestehende soziale Durchmischung von Stadtteilen. Problemviertel wie etwa in den Pariser Vorstädten gibt es laut dem Grün-Politiker in Wien nicht. Hier sei "viel geglückt": "Wir haben keine Siedlungen hingestellt, sondern Stadt gebaut." Stolz sei er auch auf die neue Bauordnung, die bei neuen Projekten einen gewissen Anteil sozialen Wohnbau vorschreibt.

"Wenn Politik etwas will, sind wir nicht Konzernen ausgeliefert", beteuerte er. Das wolle er auch künftigen Politiker-Generationen mitgeben: "Fürchte dich nicht." Zusatz: "Das sagt man in Wien anders." Er wolle aber keinen Ordnungsruf riskieren, begründete Chorherr den Verzicht auf die deftigere Variante.

Handlungsbedarf sieht er nicht nur in der Sozial-, sondern auch in der Klimapolitik. Als problematisch erachtete er aber zugleich auch den Umstand, dass immer schnellere Lösungen gefordert würden. Demokratie lasse sich aber nicht beliebig beschleunigen: "Man soll sich auch einen Raum erhalten, um nachzudenken." Wichtig seien auch Kompromisse. Was aufgeheizte plebiszitäre Politik anrichten könne, sehe man hingegen etwa in Großbritannien.

Chorherr erlaubte sich zumindest eine "kritische Anmerkung" in Richtung des Koalitionspartners SPÖ, den er sehr wertschätze, wie er schwor. Er habe jedoch nie verstanden, so gestand er, warum so viele Inserate in Boulevardmedien geschaltet würden. Diese würden systematisch Angst machen und Hetze verbreiten.

Aber es gab auch ausdrücklichen Dank für rote Stadtpolitiker - sowie für die eigene Fraktion. Diese hätte ihn oft ausgehalten, auch wenn er widersprochen habe. "Besonders möchte ich mich bei einer außergewöhnlichen Frau bedanken, bei Maria Vassilakou". Sie wird ja im Juni der Stadtpolitik ebenfalls den Rücken kehren.

Ein Versprechen hatte er wiederum für den künftigen Planungssprecher der Grünen, Peter Kraus, parat. Er werde nicht hineinkeppeln, versicherte Chorherr, der künftig unter anderem als Bio-Bäcker tätig sein möchte: "Ich werde die Papp’n halten und meine Brötchen backen."