Rund zwei Drittel der erwerbstätigen Österreicher sind Dienstleister. Sie arbeiten in Büros, steuern Öffis, sitzen im Supermarkt an der Kassa. Körperliche Schwerarbeit leistet keiner von ihnen. Die Geschichte von Günther betrifft sie nicht, die Ängste und Zukunftssorgen der Dienstleister werden in dieser Erzählung nicht berührt.

Es ist viel mehr die Angst den Job zu verlieren, die sie beschäftigt. Wenn durch die fortschreitende Digitalisierung weniger Menschen nötig sind, um die Arbeit zu verrichten, die Angst, vor Migranten aus Niedriglohnländern, die den Job billiger erledigen, die Angst den digitalen Anschluss zu verlieren an die Generation der Digital Natives, die mit Computern, Smartphones und sozialen Medien aufgewachsen sind.

Diese Stimmung hilft derzeit der Konkurrenz. Vor allem der FPÖ, die das Spiel mit der Angst beherrscht und erfolgreich für ihre Zwecke nutzt, die Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielt, von Wahlsieg zu Wahlsieg eilt, mit den Stimmen der ehemaligen SPÖ-Wähler. Ein Gegenmittel haben die Genossen nicht parat. Mit zunehmender Law & Order Rhetorik versuchen sie die abwanderungswilligen Wähler zu halten. Vergeblich.

Michael Ludwigs gut einstündige Rede beim Parteitag vor ein paar Tagen offenbarte die Schwäche der Partei. Er kritisierte die Politik des politischen Gegners, versprach keine Koalition mit der FPÖ einzugehen, konnte aber kaum eigene Ansätze präsentieren, um dem politischen Trend entgegenzuhalten.

Als es um politische Impulse der Partei ging, zählte er mit der Dritten Piste am Flughafen, der Lobau-Autobahn unter dem Naturschutzgebiet Donau-Auen und dem internationalen Busbahnhof lediglich drei Infrastrukturprojekte auf. Drei Projekte, die jede Beteuerung der Partei zu mehr Klimaschutz, wie zuletzt durch EU-Spitzenkandidat Andreas Schieder, unglaubhaft machen.

Michael Ludwig bringt Genossen zum Schweigen

Damit von den Sitzen reißen konnte Ludwig kaum jemanden. Nachdem bei den ersten Projekten zumindest ein paar Genossen klatschten, blieb es beim dritten Projekt ganz still. Ludwig geriet ins Stocken, ihm blieb nur die Flucht in die Selbstironie: "Also, des war ein bisserl spärlich", kommentierte er resignierend. Zum Schluss sagte er noch: "Die SPÖ Wien ist eine Kampfmaschine." Ob als Witz oder ernst gemeint, wusste er wahrscheinlich selbst nicht.

"Es gibt wenig Willen zu Politikgestaltung", kritisiert der Politologe Ulrich Brand. Deutlich werde das vor allem beim Thema Digitalisierung. "Es wäre Aufgabe der SPÖ zu überlegen, wie die kommenden Veränderungen gestaltet werden könnten und nicht darauf zu warten, wie die kommenden Veränderungen durch Katastrophen, etwa einer weiteren Wirtschaftskrise, herbeigeführt werden." Brand ortet fehlenden Mut in der Partei: "Es ist feig, sich diesen Diskussionen nicht zu stellen." In den Anfängen des Roten Wien seien die Genossen noch eine Gestaltungsmacht gewesen, heute führen sie nur noch leere Smart-City-Diskurse.