Es begann mit einer Trennung

Beide scheuten einander wie die Teufel das Weihwasser.- Heute würde man wohl so etwas eine "Win-win-Situation nennen. Die Bürgermeister Jakob Reumann und nach dessen Erkrankung Karl Seitz (ab 1923) waren die Gallionsfiguren. Tausende "Vertrauensmänner" sorgten in der stark wachsenden Partei für Vermittlung und Kommunikation. Bittere Fraktionskämpfe gab es bei den Sozialdemokraten immer und somit auch damals schon.

Finanzstadtrat Hugo Breitner legte den ökonomischen Grundstein für die Wiener Reformpolitik: Er machte wahre "Umverteilung" und schuf ein sozial abgestuftes Steuersystem: Reiche mussten für Reitpferde, Privatautos, Dienstpersonal, Hundebesitz, Nachtlokale und Bordelle Luxus-Abgaben berappen. Beim Gros der Bevölkerung wurde Breitner damit populär und finanzierte mit einer eigenen Wohnbausteuer die neuen Bauten. Sozialstadtrat Julius Tandler wurde von Breitner schelmisch als "teuerster Freund" bezeichnet. Dem ursprünglichen Anatomieprofessor an der Uni gab Breitner Mittel für medizinische Versorgung, zur Bekämpfung der "Wiener Krankheit" Tuberkulose, für 23 Kinderfreibäder, Horte, Parks, Sportanlagen, Schwangeren- und Säuglingsfürsorge. Der Bau und Betrieb der Feuerhalle Simmering musste erst im Kulturkampf gegen die Bundesregierung beim Verfassungsgerichtshof durchgesetzt werden. Heute weiß man, dass Tandler in seiner Biografie auch rassistische Flecken zu verzeichnen hat. So sind etwa von 1929 Aussagen "zur Unfruchtbarmachung der Minderwertigen" überliefert.

Wohlfahrtsreform wurde vom umfangreichen Bildungs- und Schulpaket des legendären Stadtschulratspräsidenten Otto Glöckel ergänzt. Dessen Traum einer Gesamtschule der Zehn- bis 14jährigen ist allerdings bis heute nicht verwirklicht. Begleitet wurde alles von einer Kulturoffensive: Arbeiter-Symphoniekonzerte, Theater, Kunst am (Gemeinde-)Bau, Vereinsangebot für Freizeit. - Alles immer mit Geselligkeitscharakter.

Slogans erinnern an damals

Das "Rote Wien" suchte mit Tatkraft Wege für mehr Gerechtigkeit und schuf Grundlagen für die Partizipation Benachteiligter. Parallelen von damals zu heute sind konstruierbar: Wien soll nach den Vorstellungen roter Politik wieder den täglich gelebten Gegenentwurf einer "menschenfeinlichen" Politik "für die Konzerne" bilden. Eine "soziale Alternative für Zusammenhalt". Der "Gegenentwurf" zur "reaktionären Politik" der "unsozialen Bundesregierung". Die Slogans vermögen an alte Zeiten zu erinnern.

Die "Wiener Zeitung" titelte am Donnerstag in Berichten über die SPÖ-Maifeiern: "Wir stehen auf den Schultern von Riesen". Erkannt hat dies die Wiener SPÖ-Frauensprecherin Marina Hanke, die das Zitat formulierte. Ein Zurückblicken solle nach ihrer Meinung, nur ein kurzes Verweilen sein. Da kann man nur gut meinend raten: "Also - Vorwärts, Genossen!"