Wien. Zelten, Lagerfeuer und Kadavergehorsam: Das NS-Regime sorgte ab 1938 in der "Ostmark" dafür, dass es den totalen Zugriff schon auf die Jüngsten unter den "Volksgenossen" erhielt. Alle Kinder und Jugendlichen, Buben und Mädchen, mussten ab dem Alter von zehn Jahren zum "Jungvolk" oder den "Jungmädeln", ab 14 ging es dann zur HJ beziehungsweise zum BDM.

Von Lagerfeuerromantik und dem großen Abenteuer konnte bald nicht mehr die Rede sein: Als Hitler ab 1944 militärisch immer stärker in Bedrängnis geriet, zeigte sich, dass die Nazi-Schergen nicht davor zurückschrecken, auch die Jüngsten an der Front zu verheizen oder als Mitglieder der Waffen-SS für ihre Vernichtungspolitik einzuspannen. In den letzten Kriegsmonaten wurden 17-Jährige und noch jüngere zur SS mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Viele tausende mussten, schlecht bewaffnet, in den letzten Kriegswochen mit Panzerfaust und Gewehr gegen die Alliierten ausrücken.

1945, knapp vor Kriegsende: Sowjetische Panzer in Wien. HJ-Abteilungen sollten sie stoppen. - © Archiv
1945, knapp vor Kriegsende: Sowjetische Panzer in Wien. HJ-Abteilungen sollten sie stoppen. - © Archiv

In Wien und Berlin wurden im April 1945 Hitlerjungen in Sonderbataillone zusammengefasst. Die Verluste waren hoch, weil die unerfahrenen - und sehr oft fanatisierten - Halbwüchsigen altgedienten sowjetischen Gardesoldaten gegenüberstanden. In Berlin wurden im Bezirk Spandau 4000 Buben von den Rotarmisten niedergemetzelt, in Wien sind mehrere Hundert bei den Kämpfen gefallen. Die "Wiener Zeitung" hat sich bei den letzten Zeugen dieser Ereignisse umgesehen.

"Man musste sich freiwillig zum Kriegsdienst melden"

Hitlerjungen wurden im "Wehrertüchtigungslager" auf den Krieg vorbereitet. - © Archiv
Hitlerjungen wurden im "Wehrertüchtigungslager" auf den Krieg vorbereitet. - © Archiv

Gert Sabidussi war 1944 frisch bei der Hitlerjugend, als er in die Fänge der SS-Keiler geriet. "Man wurde mit 14 Jahren vom deutschen Jungvolk in die Hitlerjugend überstellt. Da musste man sich - wohlgemerkt freiwillig - zum Kriegsdienst melden", erzählt er.

"Da wurde alles in das Bannoberkommando in der Tuchlauben im ersten Bezirk einberufen, das weiß ich noch sehr genau. Dort hat man uns gesagt, ‚ihr seid ja alles deutsche Jungs‘. ‚Jungs‘, wohlgemerkt. Die Kommandierenden waren Wiener, aber die haben den nötigen Jargon schon gut beherrscht. Und die haben gesagt: ‚Ihr meldet euch natürlich alle freiwillig zur Waffen-SS.‘ Mit 14 Jahren und ein wenig darüber."

Zeitzeuge Franz Mikolasch: "Das Schicksal als Halbwüchsiger hing im April 1945 davon ab, wer das Kommando hatte. Der hat entweder gesagt. ‚Burschen, geht’s heim‘. Oder: ‚Ihr müsst die Straßenkreuzung da verteidigen‘". - © Michael Schmölzer
Zeitzeuge Franz Mikolasch: "Das Schicksal als Halbwüchsiger hing im April 1945 davon ab, wer das Kommando hatte. Der hat entweder gesagt. ‚Burschen, geht’s heim‘. Oder: ‚Ihr müsst die Straßenkreuzung da verteidigen‘". - © Michael Schmölzer

"Da waren wir so ungefähr 20 Leute", berichtet Sabidussi, "und da war einer, der hat einen fantastischen Meidlinger Dialekt geredet. Der hat gesagt: ‚Und was ist, wenn man sich nicht freiwillig meldet?‘ Den habe ich bewundert, dass er die Frechheit hat."