Auch Nepps Bekanntheitswerte sind noch ausbaufähig. Der Vizebürgermeister ist zwar medial zuletzt mehrfach aufgetreten, der 37-Jährige dürfte für weite Teile der Wählerschaft aber noch ein unbeschriebenes Blatt sein. Bis zur nächsten Wien-Wahl, die voraussichtlich im Herbst 2020 stattfinden wird, hat die neue blaue Führungsriege noch ihr Profil zu schärfen.

Und selbst wenn der Neustart gelingen und gute Wahlergebnisse eingefahren werden sollten, dürfte die Wiener FPÖ ein Problem haben, künftig einen Koalitionspartner zu finden. Das ohnehin schon unrealistische Farbenspiel Rot-Blau scheint nun gänzlich unmöglich. Und mit den Schwarzen wird man sich wohl, nachdem die Koalition im Bund zerbrochen ist und ein schmutziger Wahlkampf droht, kaum noch zusammenraufen können.

Neuwahlen unwahrscheinlich

Die offene Flanke könnte Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) ausnutzen: Mit vorgezogenen Neuwahlen würde er die FPÖ auf dem falschen Fuß erwischen. Noch bevor sie sich neu aufgestellt und wieder gefangen hat, müsste sie sich auf den Urnengang vorbereitet. Es sprechen jedoch mehrere gewichtige Gründe gegen diese Variante, die Ludwig bereits ausgeschlossen hat.

So fehlt es den Wiener Roten an einem Grund, auf den sie Neuwahlen stützen können. Im Gegensatz zu ihren Kollegen aus dem Burgenland sind sie nicht mit der FPÖ in einer Koalition, sondern mit den Grünen. Die Zusammenarbeit besteht seit 2010, und sie plötzlich aus dem Nichts aufzulösen, ließe sich kaum argumentieren. Daher wäre es den Wählern besonders schwer zu vermitteln, warum sie nach der kuriosen Bundespräsidentenwahl, der EU-Wahl und zwei Nationalratswahlen zu einem weiteren, vorgezogenen Urnengang schreiten sollten.

Wie aus Kreisen der SPÖ Wien zu erfahren war, ist eine andere Strategie wahrscheinlicher: Ludwig inszeniert die rot-grüne Stadtregierung als Hort der Stabilität, die sauber ihre Legislaturperiode beendet, während es im Bund drunter und drüber geht. Mit diesem Kurs könnte auch ein Manko kompensiert werden: Durch den Zusammenbruch der schwarz-blauen Bundesregierung verliert die Wiener SPÖ ihren wichtigsten Reibebaum.

Ein Nachteil offenbart sich aber doch: Der SPÖ wird es im Wien-Wahlkampf schwerfallen, bei ihren Wählern mit dem "Schreckgespenst" einer blauen Machtübernahme zu reüssieren. Genau darauf setzte Ex-Bürgermeister Michael Häupl bei der vergangenen Wien-Wahl 2015 erfolgreich. Das Fehlen dieses Mobilisierungseffekts könnte nun den Grünen und den Neos zugutekommen.