Wien. Am Gelände des ehemaligen Wiener Nordbahnhofs in der Leopoldstadt wird seit Jahren gebaut. Zwischen Nordbahn- und Vorgartenstraße ziehen Immobilienentwickler Wohnblöcke in die Höhe. Wie die Renderings einer Architekturzeitschrift stehen sie auf der einst 85 Hektar großen Brache. 20.000 Menschen sollen bis 2030 hier leben. Zwischen den Baugruben, Baggern, den gläsernen Fassaden der Neubauten steht eine Backsteinhalle. Wie das berühmte gallische Dorf hält das eingeschossige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert Stellung. Ein erfrischender Anachronismus im nagelneuen Stadtteil. Nun droht der Abriss der Nordbahnhalle.

Das Nordbahnviertel ist das wichtigste innerstädtische Entwicklungsgebiet Wiens. Wie die Seestadt Aspern oder das Sonnwendviertel wurde das neue Quartier auf dem Reißbrett entworfen - eine Planstadt, ohne gewachsene Struktur. Die Nordbahnhalle lockert das futuristische Ensemble auf. Sie ist der letzte Rest des ehemaligen Frachtenbahnhofs.

Vor rund zweieinhalb Jahren wurde die Halle von der TU Wien entdeckt. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung wurde sie für unterschiedliche Nutzungen adaptiert. Die Studierenden richteten eine Werkstatt ein, bauten Co-Working-Büros, eröffneten eine Veranstaltungshalle, stellten den Anrainern einen kleinen Gastrobereich zur Verfügung.

521 Veranstaltungen in zweieinhalb Jahren

Die Nordbahnhalle sollte zum "Experimentierort für nachhaltige Nutzungen im neuen Nordbahnviertel" werden, wie es auf der Website des Projekts heißt. "Die Idee war es, Kreative, EPUs, Handwerker, Akteure schon vor der Fertigstellung des Viertels anzulocken, sie zu vernetzen und den Prozess wissenschaftlich zu begleiten", sagt Peter Fattinger, Professor am Wohnbau-Institut der TU Wien. "Danach sollten sie in die Neubauten ziehen und so das Viertel bereichern." Das Danach ist nun gekommen. Ende Juli läuft der Zwischennutzungsvertrag aus. Der kleine Bürotrakt - etwa ein Zehntel der überdachten Fläche - muss einer Straßenbahnschleife weichen.

Doch wie geht es mit dem Rest weiter? In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Halle als wichtiger Ort für Veranstaltungen etabliert. Aus dem Uniprojekt ist längst ein Selbstläufer geworden. Das Urbanize-Festival fand dort genauso statt wie eine Ausstellung des Architekturzentrums Wien, Podiumsdiskussionen, Workshops, Vernetzungstreffen, Feste, Radrennen, Tischtennis- und Minigolfturniere, Grill- und Filmabende. Die Halle war viel frequentiert und nahezu immer ausgebucht. 521 Veranstaltungen mit insgesamt 200 000 Besuchern fanden in den vergangenen zweieinhalb Jahren hier statt. Der Erfolg der Nordbahnhalle spricht gegen ihre Schließung. Doch genau diese befürchten die Beteiligten nun. Anrainer, Stadtplaner, Studierende, Uniprofessoren, Regisseure, Architekten, Kulturschaffende haben sich zur IG "Nordbahnhalle" zusammengeschlossen. Mittels Pressekonferenz wollen sie auf den drohenden Abriss aufmerksam machen und für den Erhalt des Ensembles aus Halle, Wasserturm und grüner Stadtwildnis kämpfen. Eine Petition soll die Nordbahnhalle retten.