"Ein Abriss wäre eine Katastrophe"

Michael Obrist, Professor für Wohnbau und Entwerfen der TU Wien, ist einer der Unterstützer der Halle. "Andere Städte würden sich um einen Ort wie diesen reißen", sagt er. "Ein Abriss wäre eine Katastrophe." An der Finanzierung soll es nicht scheitern. Die Nordbahnhalle würde durch kommerzielle Veranstaltungen gemeinwohlorientierte Projekte gegenfinanzieren, wie die IG betont. "In einem Viertel, in dem um 600.000 Euro Wohnungen verkauft werden, soll man sich einen Kulturraum wie diesen nicht leisten können?"

Der Bürotrakt der Nordbahnhalle - etwa ein Zehntel der Gesamtfläche - muss einer Straßenbahnschleife weichen. Aber was passiert mit dem Rest? - © Matthias Winterer
Der Bürotrakt der Nordbahnhalle - etwa ein Zehntel der Gesamtfläche - muss einer Straßenbahnschleife weichen. Aber was passiert mit dem Rest? - © Matthias Winterer

Neue Stadtentwicklungsgebiete laufen Gefahr zu glattgebügelten, austauschbaren Zonen zu verkommen. Meist ist dies der erste Schritt zum Ghetto. Damit ein Viertel funktioniert, braucht es eine Identität. Stadtplaner kennen das Problem. Sie versuchen Identität durch Plätze, Märkte, markante Treffpunkte zu konstruieren. Mit über Jahren gewachsenen Zentren können sie nicht mithalten. "Die Nordbahnhalle bietet dem ganzen Viertel die einzigartige Chance, seine Identität zu finden", sagt Gerd Erhartt. Der Mitgründer des Architekturbüros "querkraft" unterstützt den Erhalt der Nordbahnhalle ebenfalls.

Auch Elke Rauth, Obfrau von "dérive - Verein für Stadtforschung" und Leiterin der Urbanize-Festivals, steht auf der Liste der Unterstützer. "Ein neuer Stadtteil dieser Größe braucht einen nicht-kommerziellen Ort wie die Nordbahnhalle, an dem Kultur und Soziales Raum finden und sich unterschiedliche Menschen begegnen können", sagt sie. "Dezentrale Kulturzentren, die Schaffung von Stadtlaboren und die Förderung von Räumen für die Nachbarschaft sind Schlüsselthemen von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Planungsstadträtin Birgit Hebein und Bürgermeister Michael Ludwig. Die Nordbahnhalle ist all das bereits."

Politik will sich nicht festlegen

Und die Politik? Sie schwärmt von der Nordbahnhalle, will sich aber nicht festlegen. "Die Nordbahnhalle hat sich zu einem spannenden und vielfältigen Ort entwickelt", heißt es aus dem Büro der neuen Stadträtin für Stadtentwicklung und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein. "Wir setzen uns dafür ein, dass die Halle erhalten bleibt. Dazu sind aber noch viele Fragen offen." Die vielen Fragen seien baulicher Natur und würden die Zugänge zur Halle betreffen. Auch Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler sichert Unterstützung für eine kulturelle Nutzung zu. "Erhalt und Sanierung der Nordbahnhalle liegen allerdings nicht in unserem Bereich", sagt Kaup-Hasler gegenüber der "Wiener Zeitung". Auch das Büro von Bezirksvorsteherin Ursula Lichtenegger verweist darauf, nicht zuständig zu sein.

In den Plänen des Nordbahnviertels ist die Halle jedenfalls noch eingezeichnet. Ein kleines Rechteck inmitten eines Parks, der sogenannten Stadtwildnis. Die Fläche soll möglichst naturbelassen bleiben, eine "Gstetten", wie der Wiener sagt. "Ideal", findet die IG "Nordbahnhalle". So wie die Pflanzen ist auch die Nordbahnhalle ein Teil der gewachsenen Struktur des Viertels. Sie ist ein Relikt des alten Bahnhofs, ein historischer Bau, in dem an der Zukunft gearbeitet wird.