Zuvela-Aloise sitzt vor einer Landkarte Wiens. Rote, gelbe und grüne Flecken ziehen sich wie die Blasen einer Lavalampe über den Stadtraum. "Sie simulieren die städtische Wärmebelastung in Echtzeit", sagt sie. Die Karte ist einfach zu lesen. Rot heißt heiß, grün heißt kühl. Über der Innenstadt, dem Gürtel, dem Wallensteinplatz, Simmering hängen tiefrote Blasen - über dem Prater, dem Wienerwald, dem Lainzer Tiergarten, Schönbrunn grüne. Das Ergebnis ist eindeutig. Dort, wo Bäume wachsen, ist es kühler.

Übedimensionale Klimaanlagen

Bäume spenden nicht nur Schatten. Sie schwitzen für uns. Je heißer es ist, desto mehr Wasser verdunstet über ihre Blätter. Dadurch kühlt die Luft ab. Der Effekt ist dem einer Klimaanlage nicht unähnlich. Bäume übertreffen die Leistung von Klimaanlagen jedoch um ein Vielfaches. Je nach Baumgröße kann sie bis zu 30 Kilowatt betragen, während eine herkömmliche Raumklimaanlage gerade einmal drei Kilowatt schafft – wie die Universität Wageningen in den Niederlanden berechnete. Im Wald stehen tausende solcher Superklimaanlagen nebeneinander. Wer im Sommer durch den Wald spaziert, kennt ihre lauschige Wirkung.

In der Franzensbrückenstraße wirft eine Allee von Zürgelbäumen kühlende Schatten auf die Fahrbahn. Der Zürgelbaum ist der Hoffnungsträger der Stadtgärtner. - © Matthias Winterer
In der Franzensbrückenstraße wirft eine Allee von Zürgelbäumen kühlende Schatten auf die Fahrbahn. Der Zürgelbaum ist der Hoffnungsträger der Stadtgärtner. - © Matthias Winterer

Neben dieser unmittelbaren Wirkung kühlt der Baum auch auf lange Sicht. Bäume sind wertvolle Kohlenstoffspeicher. Im Zuge der Photosynthese filtern sie das Treibgas CO2 – den Hauptverursacher der Klimakrise - aus der Luft. Vor wenigen Wochen sorgten Forscher der ETH Zürich mit der Idee für Aufsehen, die Erderhitzung durch großflächige Aufforstung zu drosseln. Eine Milliarde Hektar zusätzlicher Wald würde zwei Drittel aller jemals von Menschen verursachten CO2-Emissionen speichern. Nur so könnte man die Pariser Klimaziele noch haarscharf erreichen.

In Österreichs Wäldern sind rund drei Milliarden Tonnen CO2 gespeichert. Das entspricht der 35-fachen Menge, die wir jährlich an Treibhausgasen ausstoßen – vorwiegend in der Stadt natürlich. Die Kiefern, Buchen, Pappeln und Fichten in den Bundesländern retten die schlechte Bilanz der Städte. Denn hier wird kaum CO2 gebunden. Wie denn auch? Die Stadt ist nun mal kein Wald.

Der Rocky Balboa unter den Bäumen 

Das soll Karl Hawliczek ändern. Der Leiter des Dezernats für Grünflächenpflege und –erhaltung bei den Wiener Stadtgärten (MA42) ist für 485.000 Bäume verantwortlich. Das sind alle Bäume in Parks und entlang von Straßen innerhalb der Wiener Stadtgrenze. Forstflächen wie der Wienerwald oder der Lainzer Tiergarten zählen nicht dazu. Jährlich fällen die Stadtgärtner rund 2000 alte, kranke oder befallene Bäume. 2000 bis 3000 neue setzen sie. Hawliczek will den Wert deutlich steigern. Dazu gibt ihm die rot-grüne Stadtregierung Geld in die Hand. Acht Millionen Euro Sonderbudget hat sie vor wenigen Wochen für kühlende Maßnahmen beschlossen. Das Geld wird auch in Neupflanzungen fließen. Es soll sich um mehrere hundert Bäume handeln, wie es aus dem Büro der grünen Vizebürgermeisterin Birgit Hebein heißt. Wachsen sollen sie etwa in Hitzeschneisen wie der Waldgasse in Favoriten oder in den Gründerzeitblocks der Innenstadt. Auch der Yppenplatz in Ottakring und das Volkertviertel im zweiten Bezirk sollen entschärft werden. Gesetzt werden Platanen, Eschen und Ulmen. Baum ist nicht Baum.