Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Kommt Ludwig ein schlechtes Abschneiden der SPÖ bei der Nationalratswahl vielleicht sogar entgegen? Immerhin ist nach der Nationalratswahl vor der Wien Wahl. Hier wird spätestens im Herbst kommenden Jahres zur Urne gebeten. "Im Wahlkampf ist es ja oft hilfreich, in der Bundesregierung nicht vertreten zu sein", sagt Filzmaier. "Ludwig wird sich das insgeheim vielleicht sogar wünschen."

Denn Ludwig braucht seinen Türkis-Blauen Gegner. Der Zwist mit ÖVP-Chef und Ex-Kanzler Sebastian Kurz und dem zurückgetretenen FPÖ-Chef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache schärfte sein Profil. Er ließ ihn aus dem Schatten von Michael Häupl treten. Erst als Kurz die Wiener als arbeitsscheue Langschläfer ("immer weniger Menschen stehen in der Früh auf, um zu arbeiten") bezichtigte, erwachte Ludwigs Angriffslust. Seither gilt er als schärfster Kritiker der ehemaligen Bundesregierung. Seither wirft er sich leidenschaftlich in den Streit, etwa um Mindestsicherung und Arbeitszeit. Und seither fährt er eine gewagte Doppelstrategie.

Er positioniert sich als Bollwerk gegen Neoliberalismus und Rechtsruck, liebäugelt aber gleichzeitig mit türkis-blauen Themen - oft zum Leidwesen der Genossen. Er setzte ein Essverbot in den U-Bahnen genauso durch, wie ein Alkoholverbot auf dem Praterstern oder ein Messerverbot am Donaukanal. Der sogenannte "Wien-Bonus" bevorzugt Menschen, die länger in Wien leben als andere.

Es ist genau diese Law-and-Order-Politik, die wiederum Rendi-Wagner das Leben schwer macht. Die als liberal geltende Parteivorsitzende würde gerne im grünen Wählerbecken fischen. Das Thema saubere Mobilität würde sich anbieten. Doch ist das nicht so einfach, mit einem Wiener Bürgermeister, der sich vehement für den Lobau-Tunnel einsetzt. "Rendi-Wagner wollte - strategisch richtig - das Thema leistbares Wohnen propagieren. Dafür kann man natürlich die Bundesregierung heftig kritisieren, aber das Problem ist, man wird Wien aus der Kritik nicht ganz ausnehmen können. Und Ludwig war noch dazu Wohnbaustadtrat," sagt Filzmaier. Ein Interessenskonflikt, den nicht nur die SPÖ kennt.

Ibiza liegt in Wien

Ibiza liegt in Wien. - © Winterer
Ibiza liegt in Wien. - © Winterer

Die Sorgen der Bundes-SPÖ mit den Genossen in Wien hätte ein anderer gerne. Norbert Hofer steht vor einem echten Dilemma. So wie bei den Roten, stand auch das Schlachtross der FPÖ in Wien. Es hatte sich in den vergangenen Jahren zu einem wahren Hengst gefressen, der es mit den Sozialdemokraten locker aufnehmen konnte. Doch dann kam ein lauschiger Sommerabend. Dann kam Ibiza. Was blieb, ist verbrannte Erde. Und ein waghalsiger Seiltanz.

Hofer steht vor der Herausforderung, sich von Strache und seinen "besoffenen" Ibiza-Fantasien zu distanzieren, ohne die Wiener FPÖ zu vergraulen. Zieht die FPÖ keinen klaren Schlussstrich unter die Ära Strache, wird sich Kurz wohl kaum auf die herbeigesehnte Neuauflage von Türkis-Blau einlassen. Ganz ohne Strache geht es aber auch nicht. Wien ist noch immer seine Hausmacht. 44.750 Wählerinnen und Wähler gaben Strache bei der Europawahl ihre Vorzugsstimme und damit ein sicheres Mandat in Brüssel - trotz letztem Listenplatz, trotz Ibiza. Eine Machtdemonstration. Ein Problem für Hofer.