Bildung, um ein besserer Mensch zu werden. Bildung, um der Gesellschaft zu dienen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Bildung ihrer selbst willen. Das war einmal. Der humanistische Gedanke hinter der Schul- und Ausbildung ist längst verschwunden. Nichts als verstaubte Renaissance.

Heute bildet man sich, um an gute Jobs zu kommen, um Geld zu verdienen, um sich und seinen Angehörigen ein Leben zu bieten, in dem es an nichts fehlt. Praxis steht in der Ausbildung im Vordergrund. Praxis ist das neue Zauberwort, an dem das Niveau von Bildungseinrichtungen beurteilt wird. Fachhochschulen (FH), Höhere Technische Lehranstalten (HTL), Handelsakademien (HAK) sind im Aufschwung. Sie bieten praxisorientierte Ausbildungen.

Praxisnähe ist ein Indikator für die Chancen auf einen gutbezahlten Job. Je praxisnäher, desto besser. Die Wirtschaftskammer Wien (WKW) begrüßt diese Entwicklung naturgemäß. Sie will sie weiter vorantreiben, den Wirtschaftsstandort Wien mit praxisnah ausgebildeten Absolventen versorgen. In eigenen Schulen und Ausbildungszeigen setzen sie das um. Aber auch der öffentliche Sektor soll sich noch stärker an der Wirtschaft orientieren. Denn hier fehle es weiter an Praxis. Hier klaffe weiter ein Loch.

Um auf dieses Loch aufmerksam zu machen, lud die WKW am Montag zu einer Pressekonferenz in die Vienna Business School. Dort präsentierte ihr Präsident Walter Ruck gemeinsam mit Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) die sogenannte Bildungsbedarfsanalyse 2019. Sie zeige das Loch sehr deutlich, so der gemeinsame Tenor - das Praxisloch. Denn laut Analyse - für die 1000 der größten Wiener Unternehmen mit insgesamt 65.000 Mitarbeitern befragt wurden, was 15 Prozent der Wiener Arbeitnehmer entspricht - fehle es vor allem an gut ausgebildeten Technikern.

"In den nächsten drei bis fünf Jahren suchen die Wiener Betriebe insgesamt 12.400 Techniker", sagt Ruck. "Und zwar aus allen Ausbildungswegen, Lehrlinge ebenso wie Absolventen von HTL, technische Fachhochschulen und universitären Technik-Ausbildungen." In 40 Prozent der Betriebe arbeiten derzeit HTL-Absolventen. Fast ein Viertel möchte in den kommenden drei bis fünf Jahren mehr Mitarbeiter mit HTL-Abschluss aufnehmen. Ein Fünftel der Betriebe sieht jedoch zu wenig HTL-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt.

Jüngste HTL ist 30 Jahre alt

"Die letzte große Erweiterung einer HTL in Wien war vor knapp 20 Jahren die HTL-Rennweg", sagt Czernohorszky. "Eine komplett neue HTL hat zuletzt vor über 30 Jahren in der Ungargasse eröffnet." Der Bildungsstadtrat sieht vor allem die Bundesregierung gefordert. "Wien wächst. Die Stadt hat in den vergangenen fünf Jahren 530 neue Klassen im Pflichtschulbereich geschaffen, doch diese Kinder werden älter und brauchen neue Schul- und Ausbildungsplätze in Bundesschulen und zusätzliche Lehrstellen."

Bei den Lehrstellen klaffe, so Ruck, ein weiteres Loch. Im vergangenen Jahr konnten 600 freie Lehrstellen nicht besetzt werden. Diese Zahl wird in den kommenden Jahren steigen. 27 Prozent wollen in Zukunft mehr Lehrlinge aufnehmen. In Summe sind das 1800 Lehrstellen, vor allem in den Bereichen Tourismus, Gastronomie, Handel, Bauwesen und Technik. Doch bereits im Vorjahr blieb ein Fünftel aller ausbildenden Betriebe auf Lehrstellen sitzen.

Als Grund orten 53 Prozent der Betriebe das schlechte Ausbildungsniveau der Bewerber. Hier müsse lau Ruck dringend nachgeschärft werden. Vor allem die Polytechnische Schule wird von der Wirtschaft kritisch gesehen. Zwei Drittel der Betriebe klagen über schlecht ausgebildete Bewerber. "Die Lehre kann nicht nachholen, was davor verabsäumt wurde", sagt Ruck.

Die Unternehmer würden sich mehr Berufsorientierung in Schulen wünschen, so die Grundaussage der Analyse. Bildungs- und Arbeitswelt sollen sich decken. Mehr Praxis also.