Thomas Madreiter ist seit 2013 Planungsdirektor der Stadt Wien. Davor war der studierte Raumplaner Leiter der MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung). Madreiter war von Beginn an - also ab der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre - für das Gebiet rund um die Gasometer zuständig oder besser gesagt für den Transformationsprozess des Areals von einem Industrie-Gewerbe-Areal zu einem durchmischten Areal. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt Madreiter über die Herausforderungen eines solchen Großprojektes - und dass Kritik aus seiner Sicht durchaus berechtigt, aber dennoch verfrüht ist.

"Wiener Zeitung":Herr Madreiter, wie sehen Sie das Areal der Gasometer in Simmering?

Thomas Madreiter: Das Stadtgebiet verändert tiefgreifend sein Gesicht und erfindet sich jedoch aufgrund des Paradigmenwechsels vom Büro- und Dienstleistungsquartier der 1990er und 2000er Jahre zu einem Mischquartier für Wohnen und Arbeiten neu. Vieles steht unverbunden nebeneinander. Der Stadtteil gleicht einem "Patchwork" unterschiedlichster Nutzungen.

Das Areal mit seinen Immobilienprojekten gilt aber über unsere Landesgrenzen hinaus als Vorzeigebeispiel schlechter Stadtplanung - wie erklären Sie sich das als Planungsdirektor der Stadt Wien?

Das Projekt erfreut sich nicht nur unter den Bewohnerinnen und Bewohnern höchster Beliebtheit, sondern wird von international renommierten Stadtplanungsinstitutionen und Kamerateams so oft "heimgesucht", dass die Bewohner einen eigenen Vertretungsbeirat gegründet haben, der den Zugang zu den Objekten lediglich nach Absprache über Antrag bei der zuständigen Hausverwaltung regelt. Und die zweifellos in den Anfangsjahren minder ausgelastete Mall samt "Pleasure Dome" konnte durch einen Restrukturierungsprozess des Nutzungsmix auf wirtschaftlich tragfähige Beine gestellt werden.

Aber wirklich erfolgreiche Stadtplanung sieht anders aus, oder?

Es gibt stadtplanerisch nichts Komplexeres, als unter sozial sensiblen Rahmenbedingungen einen Industriestadtteil in Richtung eines durchmischten zu transferieren. Aus einem Hafengebiet ein Höchstpreiswohngebiet zu machen, bringt schnell einmal jemand zusammen. Aber eine Zone in der Stadt langsam in Transformation zu bringen nicht. Bei so etwas muss man alle Beteiligten von einer Vision überzeugen, man muss Infrastruktur unterbringen, man muss es schaffen, vorhandene Denkmuster sowohl in der Stadt als auch auf der Ebene privater Akteure aufzubrechen. Und man muss lernen, unter mitteleuropäischen Rahmenbedingungen mit einer extrem heterogenen Liegenschaftsstruktur umzugehen. So etwas geht nicht von heute auf morgen.

Die Kritik ist dennoch jetzt da.

Ja, aber diese Hauptchallenge der Transformation wird dabei oft ausgeblendet und durch eine Finalbild-Kritik ersetzt - wo man zweifelsfrei auch zurecht alles Mögliche bemängeln kann. Aber das kann ich mit einer gewissen Coolness sehen, denn ich weiß: Das ist ja noch lange nicht zu Ende. An dem wird ja weiter gefeilt und gebaut werden. Wenn man sachlich ernst genommen werden will, gilt es zu unterscheiden, ob ich eine Seestadt mache, ob ich eine stadtentwicklerische Ergänzung durchführe, wie Nord- oder Hauptbahnhof - oder ob ich eben bereits gewachsene Stadtgebiete mit Industriegebieten zu verbinden versuche - das ist nämlich sozusagen die Königsklasse.

Sie meinen, das hat auch etwas mit dem spezifischen Ort zu tun?

Natürlich. Der Osten der Stadt war immer schon der Bauch von Wien - Schlachthof, E-Werk, Gaswerk, die Großkläranlage, die U-Bahn-Remisen: Man hat dort alles hingeräumt, was die Stadt zwar benötigt, aber es eigentlich niemand sehen will. Trotzdem wächst die Stadt weiter - also haben wir eine U-Bahn nach Simmering gebaut, das hat diesen Stadtteil enorm verändert und tut es noch. Noch einmal: Es geht hier um das Steuern eines Transformationsprozesses, wo auch ständig nachjustiert werden muss. Und wir sind mittendrin in diesem Prozess. Aus meiner Sicht machen wir das sehr gut.

Nachjustieren klingt aber so planlos - nach welchen Kriterien wird hier eigentlich nachjustiert?

2016 wurde der Strategieplan "Perspektive Erdberger Mais" in einem breit angelegten dialogorientierten Planungsprozess gemeinsam mit der Stadt- und Bezirkspolitik, den betroffenen Magistratsabteilungen sowie Planungsfachleuten erstellt, welcher für alle weiteren Projekte im Erdberger Mais eine solide Basis bietet. Vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner des Erdberger Mais haben sich aktiv in diesen Prozess eingebracht.