Auf dem Areal des westlichen und südlichen Gasometervorfelds im 3. und 11. Bezirk wird ein neuer Stadtteil mit einem für Wien einzigartigen Charakter entwickelt. Entstehen soll ein vielfältiger, urbaner und belebter Stadtteil, in dem ein optimales Mit- und Nebeneinander von Arbeiten und Wohnen möglich ist", verheißt die Ausschreibung des Rathauses für den städtebaulichen Wettbewerb "Gasometervorfeld 2.0", den das Büro BWM in diesem Frühjahr für sich entscheiden konnte. Der ehrenwerte Entwurf der Architekten ist bemüht, auf den verbliebenen Restflächen um die denkmalgeschützten Gasometer jenem Wildwuchs, der in den vergangenen beiden Jahrzehnten hier Platz gegriffen hat, doch noch einen Sinn zu geben. Denn tatsächlich ist der "neue Stadtteil mit einem für Wien einzigartigen Charakter" und einem "vielfältigen Mit- und Nebeneinander" bereits Realität: Unvergleichlich ist schon heute das zusammenhanglose Durcheinander egomanischer Einzelprojekte im Stadtentwicklungszielgebiet Erdberger Mais.

Wenn in dem alten Gartenbau- und Gewerbegebiet im Schatten der Stadtautobahn A23 eine planerische Konstante ablesbar ist, dann jene urbanistischer Heilsversprechen, die allesamt von der realen Entwicklung konterkariert wurden. Wobei die Planungspolitik höchstselbst dafür verantwortlich ist, zumal sie mit großer Konsequenz singuläre Bauvorhaben genehmigte und genehmigt - ohne jede Rücksicht auf mittelfristige Gesamtkonzepte. Was ist uns nicht alles weisgemacht worden, seit 1999, ausgelöst durch die Verlängerung der U-Bahn-Linie 3, mit dem Umbau der vier leerstehenden Gasbehälter begonnen wurde. Die 72 Meter hohen Hinterlassenschaften gründerzeitlicher Ingenieursbaukunst sollten dank zeitgenössischer Architekten wie Jean Nouvel und Coop Himmelb(l)au zu einem "europaweit einzigartigen Gesamtkunstwerk" werden, sollten Ausgangspunkt und Zentrum eines neuen, natürlich "urbanen" Stadtteils sein - und als identitätsstiftende Wahrzeichen in Wiens Silhouette den Umbruch seines Südostens symbolisieren.

Erstes gescheitertes EKZ Wiens

- © Reinhard Seiß/URBAN+
© Reinhard Seiß/URBAN+

Aus der angestrebten Architektursensation "Gasometer City" wurde ein denkmalpflegerisch wie ökonomisch fragwürdiges Immobilienprojekt mit 615 hochsubventionierten Wohnungen, einem Studentenheim zwecks Auslastung ansonsten unvermietbarer Apartments, mit Büro- und Magistratsnutzungen, einer Konzerthalle, einer Garage mit 1200 Stellplätzen sowie einer alle vier Gasometer durchlaufenden, 450 Meter langen Shopping Mall mit 22.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Durch einen Glassteg angedockt wurde noch der Pleasure Dome von Architekt Rüdiger Lainer: Wiens erstes "Urban Entertainment Center" mit zwölf Kinosälen, zahlreichen Restaurants und Amüsements sowie weiteren 840 Stellplätzen. Schon nach wenigen Jahren erwies sich der gesamte Konsumbereich als einziger Flop. Der rasch heruntergekommene Pleasure Dome steht vermutlich nur noch, weil die darunterliegende Parkgarage rentabel ist - und die in weiten Teilen brachliegende Shopping Mall gilt als erstes gescheitertes Einkaufszentrum Wiens.