Schräge Wände ohne Sinn

Mitgrund für den bedrückenden Leerstand ist wohl auch, dass sich das Umfeld deutlich weniger attraktiv entwickelt hat als gewünscht. Ein neues Zentrum, in das man auch aus anderen Teilen Wiens freiwillig fährt, sieht definitiv anders aus. Nördlich der Gasometer, jenseits der zweispurig verparkten Guglgasse, schließen - abgesehen vom maroden Pleasure Dome - zunächst baublockgroße Bürokomplexe an, deren Konzeption keinerlei Urbanität generiert. Dahinter wiederum reihen sich hochverdichtete Wohnblöcke aneinander, die - zumindest bislang - ebenfalls nur Ödnis verbreiten. Zudem berauben die wuchtigen Kuben mit bis zu zwölf Geschoßen die Gasometer auf dieser Seite weitgehend ihrer beschworenen "Landmark"-Funktion.

Auf der Südseite geht es - derweil noch - weniger dicht zu. Hier flankieren erst fünf grüne Wohnhäuser die backsteinernen Baudenkmäler und bemühen sich, durch schräge Wände ohne Sinn und Zweck sowie wirr versetzte Fenster ebenfalls als architektonische Besonderheit zu wirken. Weniger Aufhebens wurde von den Grünflächen um die fünf Solitäre herum gemacht. Sie sind in ihrer Ideen- und Lieblosigkeit bezeichnend für das aktuelle Niveau der Freiraumplanung im Wiener Wohnbau. Geradezu entsetzt muss man über die Gestaltqualität des Bereichs zwischen den schiefen Wohntürmchen und den Gasometern sein: Trotz Tiefgaragen hüben wie drüben ist den dafür Verantwortlichen nichts Besseres eingefallen, als die gesamte Fläche zu asphaltieren, durch unsägliche Felsbrocken zu "strukturieren" und von parkenden Autos verstellen zu lassen. Ein unwürdigeres Umfeld für die an sich beeindruckenden Zeugnisse historischer Industriearchitektur ist gar nicht vorstellbar.

Auf der Westseite schließlich hat die Stadt selbst als Bauherr dazu beigetragen, die städtebauliche Einbettung der Gasometer bestmöglich zu verhunzen. Die entfernt an Sichtziegelmauerwerk erinnernde Fassade des Bürokomplexes von "Wiener Wohnen" mag zwar als Reminiszenz an die 120 Jahre alte Backsteinarchitektur vis-à-vis gemeint sein, sie macht die Grobschlächtigkeit des baublockgroßen Kolosses aber in keiner Weise wett. Seine Unmaßstäblichkeit noch relativieren könnte freilich das am selben Baufeld geplante Hochhaus "Gate 2". Immerhin soll der laut Architekturfeuilleton "schlanke, hohe Zuwachs für die Gasometer" 120 Meter messen, wobei "schlank" bei einem Gebäude solcher Höhe - insbesondere was seine Anmutung zu ebener Erde betrifft - doch sehr stark Ansichtssache ist. Fest steht hingegen, dass der Büroturm der holländischen Architekten MVRDV die Gasometer endgültig als "Landmarks" im Bereich Erdberger Mais - St. Marx ablösen wird.