Konkurrenzlos wird aber auch das "Gate 2" nicht bleiben. Denn am Baufeld schräg gegenüber entstehen seit wenigen Wochen "The Marks" mit dem unüberlesbaren Anspruch, sich ebenfalls als Landmarken in Wiens Immobiliensilhouette einzuschreiben. Die drei Wohntürme mit 109, 114 und 126 Metern ermöglichen dem Eigentümer des benachbarten Büro- und Gewerbecenters MGC eine hochprofitable Nachnutzung seines einstigen, heute überdimensionierten Parkplatzes - der, um dem Standort das Image einer Asphaltwüste zu nehmen, seit einiger Zeit als "MGC Plaza" firmiert.

Das Rathaus preist das Bauvorhaben als Beitrag, um den Bedarf an leistbaren Wohnungen zu decken - noch dazu unweit einer U-Bahn-Station. Selten erwähnt wird indes, dass die 1000 Wohneinheiten inmitten eines Gewerbegebiets, unmittelbar neben der Autobahnabfahrt St. Marx errichtet werden. "Mut zur Stadt" fordern daher die verantwortlichen Planer ein, als sei das schlimmst mögliche Wohnumfeld genau die richtige Herausforderung für den metropolitanen Wiener von morgen. Und auch die Wohnbauträger suggerieren mit Slogans wie etwa "Urban Leben mit Aussicht", dass mit der Sprödheit eines Viertels auch dessen Urbanität steige - egal, ob die Aussicht nur bis zum Autobahnviadukt der Südosttangente oder doch darüber hinaus reicht.

Dieses eigenwillige Verständnis von Stadt drückt sich allerorts um die Gasometer herum aus, wobei gerade für das südwestliche Vorfeld, für das nun ein neuer Masterplan geschmiedet wurde, 2003 noch ganz andere planungspolitische Ziele bestanden. So sollte hier "mit qualitativ hochwertiger Architektur, ausreichender sozialer Infrastruktur, einem zentralen Park mit einem großzügig angelegten Teich als Kernstück einer Freizeit- und Erholungslandschaft, Fuß- und Radwegen sowie kulturellen und freizeitbezogenen Einrichtungen ein neuer Bezirksteil entstehen, der sowohl für die bereits ansässigen Bewohnern als auch für neu zuziehende Menschen ein attraktives Lebens- und Arbeitsumfeld sowie ein neues Naherholungsgebiet schafft".

Banale Wohnungsneubauten

Verwirklicht werden sollte dieses städtebauliche Wunschkonzert mit dem Titel "Mehrwert Simmering" durch eine Public Private Partnership: Das Rathaus wollte potenzielle Bauträger dazu anhalten, einen Teil ihres durch Umwidmung entstehenden Planungsgewinns, konkret 145 Euro pro Quadratmeter Bauland, als Schenkung an die Stadt Wien abzuführen. Damit beabsichtigte die öffentliche Hand, besagtes paradiesisches Umfeld herzustellen und so - als Benefit für die Investoren - auch deren Neubauten in ihrem Wert zu steigern. Aufmerksame Beobachter der Wiener Planungspolitik wird es kaum überraschen, dass daraus nichts geworden ist und sich bis heute weder ein "städtebauliches Rückgrat" noch eine "boulevardartige Geschäftsstraße" zwischen den Gasometern und dem Bezirkszentrum Simmering abzeichnet.

Stattdessen wird das südwestliche Gasometervorfeld geprägt von banalen, monofunktionalen Wohnungsneubauten und großmaßstäblichen, unausgelasteten Büroneubauten, von alten, teils brachliegenden Gewerbeobjekten und einem relativ neuen städtischen Mistplatz - sowie von seit längerem verwilderten oder erst vor kurzem verunstalteten Freiräumen. Auch die Public Private Partnership nahm eine ganz andere Form an, als ursprünglich geplant: Nicht die privaten Investoren tun etwas für die Allgemeinheit, sondern die öffentliche Hand federt die Spekulationsverluste der Immobilienwirtschaft ab. Während die MA 67 (Parkraumüberwachung) zeitweise den Leerstand im MGC Office Park milderte, dient das städtische "Wohnservice Wien" als Nachnutzung des nur kurze Zeit hippen Bürobauses "Adler & Ameise" in der Guglgasse. Schließlich findet sich im chronisch um Auslastung ringenden "Marximum" in der Modecenterstraße ebenso wie in dem kürzlich von Pricewaterhouse Coopers aufgegebenen Bürohaus in der Erdbergstraße "Wiener Wohnen" als willkommener Mieter wieder - obwohl dessen erst jüngst errichtete Zentrale neben den Gasometern alle Bereiche der städtischen Wohnhausverwaltung unter einem Dach vereinen sollte.