Unabhängig von ihrer Maßstäblichkeit offenbaren die meisten der Wohnbauten in Monte Laa, dass ihre Errichter keinerlei Wert darauf legen, Gebäude über die jeweiligen Grundstücksgrenzen hinweg in einen Kontext zu stellen. Im ganzen Stadtteil herrscht ein banales Nebeneinander bar jeglicher städtebaulichen Ambition. Die mitunter unbrauchbar kleinen Privatgärten vor den Erdgeschoßwohnungen sind ausnahmslos mit Drahtgitter oder Maschendraht voneinander getrennt - und selbst manch halböffentlicher Weg wird durch einen Zaun in seiner Mitte in zwei separate Fußgängerbereiche geteilt. So bleibt den ohnehin knappen Abstandsflächen zwischen den Häuserfronten - eine Ausnahme bildet nur die etwas lockerere und merklich ambitioniertere Bebauung am südöstlichen Ende des Viertels, unmittelbar am Laaer Wald - eine Nutzung als gemeinschaftlicher Freiraum mehrheitlich versagt.

Dementsprechend präsentieren sich auch die Straßenräume in Monte Laa: Sie sind reine Zufahrtswege zu den omnipräsenten Tiefgaragen in diesem autogerechten "Zukunftsstadtteil". Obwohl alle Wohnanlagen die architektonischen und sozialen Qualitätsprüfungen des geförderten Wiener Wohnbaus durchlaufen haben, überbieten sich manche Projekte geradezu in ihrer Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der hier lebenden Menschen. Bei einem kammartigen Wohnbau in der Moselgasse etwa wurden die vier parallelen Gebäudeflügel hofseitig durch einen durchgehenden zweigeschoßigen Glasgang auf Höhe der dritten und vierten Etage verbunden - als wäre es den Bewohnern nicht zumutbar, über den Hof zu ihren Nachbarn zu gelangen. Der Effekt für die Wohnungen in den unteren zwei Geschoßen ist freilich, dass ihre hofseitigen Fenster durch den darüber verlaufenden Steg ganztags verdunkelt werden. Die Bewohner in den beiden Stockwerken darüber hingegen schauen anstatt in den begrünten Innenhof auf besagten Verbindungsgang unmittelbar vor ihren Fenstern.

Bei einem Komplex mit Laubengangwohnungen in der Collmanngasse wiederum verdeckten die Architekten ganze Gebäudefronten mit einem beinah blickdichten Metallgitter, das den dahinterliegenden Fenstern jegliche Aussicht nimmt - und aus den Laubengängen einen sterilen Fluchtweg anstatt eine Art zweiten Balkon macht. Dies ist umso bitterer, als viele Bewohnern hier ohnehin nur winzige, dreieckige Loggien zugebilligt bekommen haben, die sie kaum anderes denn als Abstellräume nutzen können. Getoppt wird dies noch durch den Freiraum zwischen den Baukörpern: Was auf den ersten Blick wie ein radikales Land-Art-Projekt aussieht, stellt sich bei genauerem Hinsehen als irrwitzige Massierung von im Schnitt einen Meter hohen Tiefgaragenentlüftungen heraus, die beinahe den gesamten Freiraum okkupieren und - wenn auch begrünt - jedwede Nutzung des Innenhofs verhindern.

Müllräume und Haustechnik
in der Sockelzone

Ebenso ernüchternd ist das Unvermögen der meisten Wohnbauträger und ihrer Architekten im Umgang mit dem - für die Vitalität eines Viertels essenziellen - Erdgeschoß, sobald einmal kein Platz für ein vorgelagertes Fleckchen Rasen ist. Einige verschließen ihre Sockelzone nach außen hin durch abweisende Mauern und bringen dahinter Müllräume, Radabstellräume oder die Haustechnik unter. Andere wiederum verzichten ganz auf das Erdgeschoß und stellen ihre Häuser auf Stelzen, um darunter - im besten Fall - einen Schlechtwetterspielplatz von der Atmosphäre eines Kellerraums auszuweisen.

Ein Bauträger und sein Architekt führten diesen Ansatz zu einem konsequenten Ende und ordneten zwischen den "tanzenden Säulen" ihres aufgeständerten Gebäudes Pkw-Stellflächen an. Eine derart offene Ablehnung der Idee, eine "Stadt" zu bauen, sucht selbst am Laaer Berg ihresgleichen. Der Firma Porr scheint es egal zu sein. Die Verantwortlichen im Rathaus hingegen blicken nach vorne - und versprechen, dass bei den aktuellen Stadterweiterungsprojekten alles noch besser wird.

Reinhard Seiß studierte Raumplanung und Raumordnung an der Technischen Universität Wien (Dr. techn.) und arbeitet als freier Planer und Berater, Fachpublizist und Filmemacher in Wien.